Religion: Hindernis oder Hilfe in der Fremde?

Veröffentlicht am 21. Mai 2007

Religion wird immer wieder als Integrations hindernis gesehen – Oftmals aber migrieren Menschen, weil sie ihre Religion in ihrer Heimat nicht ausüben können. Ein Artikel erschienen auf derStandard.at.

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Ist von Religion im Zusammenhang mit Migration die Rede, heißt es immer wieder, Religion sei ein Hindernis für die Integration in die Aufnahmegesellschaft. Am liebsten wird diese These auf den Islam gemünzt: Dieser müsse eben noch die „Aufklärung nachholen“ und sei deshalb ein Integrationshindernis in den westlichen, säkular geprägten Gesellschaften.

So einfach sei der Zusammenhang zwischen Religion und Integration sicher nicht, betont Karsten Lehmann, Religionswissenschafter und Migrationsforscher an der Uni Bayreuth, auf die Frage, welchen Zusammenhang es zwischen Religion und Integration gibt: „Die erste Frage, die man sich hier stellen muss, ist: Was versteht man unter Integration?“, antwortet er nur zögerlich und jedes Wort abwägend im derStandard.at-Gespräch. Lehmann unterscheidet zwischen zwei Konzepten: Der individuellen und der gesellschaftlichen Integration, erstere betrifft die einzelnen Menschen, letztere religiöse Gruppierungen und deren Rolle in der Gesellschaft.

Anerkannte Religionsgemeinschaften

Ein paar Zahlen zur Lage in Österreich: Hier gibt es insgesamt 13 so genannte anerkannte Religionsgemeinschaften. Die größte ist laut Volkszählung 2001 die Katholische Kirche, die 6,6 Millionen Mitglieder hat. Es folgen die evangelische Kirche mit rund 380.000 und der Islam mit rund 340.000 Mitgliedern.

Welchen Religionsgemeinschaften MigrantInnen in Österreich angehören, gibt es zwei verschiedene Statistiken: Bei MigrantInnen, die noch die StaatsbürgerInnen ihres Heimatlandes sind, ist der Islam die größte Gruppe (rund 270.000 Mitglieder), gefolgt von der Katholischen Kirche (rund 162.000 Mitglieder) und der Orthodoxie (rund 136.000 Mitglieder).

Mehr Zahlen

Nicht erfasst sind dabei in der ersten Generation Zugewanderte, die bereits österreichische StaatsbürgerInnen sind. Einen Anhaltspunkt liefert eine Statistik, in der Religionsgemeinschaften nach Geburtsländern geführt werden. Demnach sind rund 327.000 KatholikInnen noch im Ausland geboren, rund 244.000 MuslimInnen sowie 136.000 Orthodoxe. Die zweite Generation wird hier jedoch ebenso wenig erfasst wie die religiöse Pluralität innerhalb der Konfessionen. Zudem leben MigrantInnen – wie ja auch die ÖsterreicherInnen – ihre Religiosität höchst unterschiedlich, und schon gar ihre Kinder und Kindeskinder.

Komplexe Realität

Eine Studie der Universität Wien zur sozialen Integration von Jugendlichen der zweiten Generation zeigt, wie komplex die Realität ist. Die größte Bedeutung haben Religiosität und Traditionen bei muslimischen Jugendlichen, den geringsten Stellenwert bei ihren österreichischen AltersgenossInnen. In der Mitte stehen Jugendliche mit ex-jugoslawischem Migrationshintergrund: „sie sind religiöser als die österreichischen Jugendlichen, aber viel säkularer als die muslimischen“, erklärt Hilde Weiss, eine der AutorInnen der Studie, im derStandard.at-Gespräch.

Im Rahmen der Studie wurden Jugendliche untersucht, deren Eltern aus Ex-Jugoslawien, der Türkei sowie anderen Ländern kommen. Ebenso wurden österreichische Jugendliche befragt, um einen Vergleich anstellen zu können. Eines der Themen dabei war die Bedeutung von Religion, Religiosität und Traditionen.

Stadt-Land

Dass Religion und Traditionen bei muslimischen Jugendlichen eine größere Rolle spielen, führt die Soziologin darauf zurück, dass ein großer Teil der türkischen MigrantInnen aus ländlichen Regionen komme. „Nur ein kleinerer Teil kommt aus städischen und halb-städtischen Regionen“, so Weiss. Am Land habe die Religion meist größere Bedeutung: „Selbst in Österreich ist die Religiosität der ländlichen Jugend stärker ausgeprägt als bei der städtischen Jugend.“

Aber auch bei muslimischen Jugendlichen gibt es große Unterschiede bezüglich ihrer Religiosität. „Rund ein Drittel definiert sich als sehr religiös, ein anderes Drittel fast überhaupt nicht und ein weiteres Drittel ist so in der Mitte“, schildert Weiss die Ergebnisse der Studie.

Eltern

Eine wesentliche Rolle spielen die Eltern: „Wenn die Eltern selbst sehr religiös sind und die Traditionen im Elternhaus sehr wichtig sind, lösen sich Jugendliche nicht so rasch“, erklärt die Soziologin. „Wenn sie nur in einem ‚mittleren Intensitätsgrad‘ die Religion und die Bräuche pflegen, ist der Schritt zur noch größeren Entfernung für die Kinder leichter. Wo die Eltern schon selbst kaum noch Bindungen an die Herkunftstraditionen und -religion haben, dort bleibt die Distanz auch bei den Jugendlichen meist erhalten.“

Weiss weist aber auch darauf hin, dass auch bei den Eltern keine pauschale Einteilung möglich ist: „Bei den älteren Generationen ist etwa die Hälfte sehr stark ethnisch und religiös orientiert. Ebenso gibt es einen kleinen Teil von relativ wenig traditions- und religionsgebundenen: Rund 12 bis 15 Prozent sind selbst sehr säkular“, fasst die Soziologin die Ergebnisse der Studie zusammen. Im Generationenvergleich nehme die Bedeutung von Religion und Traditionen enorm ab: „Die Jugendlichen sind deutlich säkularer als ihre Eltern“, berichtet Weiss.

Keine Re-Islamisierung

Eine Re-Islamisierung konnte nicht festgestellt werden. Ebensowenig, dass Religion bei MigrantInnen der zweiten Generation an Bedeutung gewinnt. Als Indiz könne dienen, ob Jugendliche aus einem säkularen Haushalt auf einmal ihre Religiosität entdecken und intensiver ausleben als ihre Eltern. „Das konnte man überhaupt nicht beobachten“, stellt Weiss fest.

Allerdings gebe es ein anderes Phänomen, das ihr Kollege Mouhanad Khorchide als „Schalenmuslime“ bezeichnet. „Es sind Muslime, für die ihre Religion als Inhalt gar nicht so bedeutend ist“, erklärt Weiss. „Vielmehr identifizieren sie sich damit, um eine kollektive Identität zu erlangen.“ Damit könnten sie sich selbst aufwerten, um Diskriminierungen zu kompensieren, die ihnen in der Fremde wiederfahren. Sie selbst sei auf anderem Weg auf dieses Phänomen gestoßen: „Ein guter Teil der befragten Jugendliche hat zum Beispiel das Statement befürwortet „Wir sollten mehr Möglichkeiten zum Praktizieren unserer Religion bekommen“. Sie tun es aber gar nicht und ein guter Teil bezeichnet sich gar nicht als religiös“, berichtet die Soziologin.

Auftrag an die Mehrheitsgesellschaft

Für Weiss ist dieses Phänomen auch ein Auftrag an die Mehrheitsgesellschaft: „Man sieht die Zwiespältigkeit zwischen der Suche nach Integration und einer aufwertenden Wir-Identität.“ Letztere werde genau dann nötig, wenn den Betroffenen von der Mehrheitsgesellschaft die Integration verweigert werde.

Ist es aber überhaupt zulässig, Integration mit Säkularisierung gleichzusetzen, wie dies die These von der Religion als Integrationshindernis suggeriert? Religionswissenschafter Lehmann dreht in seiner Definition der individuellen Integration die Frage um: „Kommt ein Mensch besser mit einer Situation zurecht, wenn er Religion hat oder nicht?“

Religion als Hilfe

Schließlich kann Religion in der Migration auch eine Hilfe sein: „Es ist eine neue Situation, mit der man erst einmal zurecht kommen muss“, so der Religionswissenschafter. Hier könne Religion ein Orientierungspunkt sein, um mit der mitunter ausgesprochen schwierigen Situation umgehen zu können. Kann, muss aber nicht, denn es gibt natürlich eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich in einem fremden Land zu recht und Halt zu finden.

Ebensowenig dürfe man vergessen, dass für viele MigrantInnen die Religion der „Grund“ für die Migration war: „Migration ist kein zufälliger Prozess. Natürlich ist es das Individuum, das entscheidet zu gehen“, so Lehmann. Aber es seien ganz „spezielle“ Individuen, die migriert sind: „Einzelne religiöse Gruppierungen wandern genau aufgrund ihrer Situation im Herkunftsland aus. Aleviten in der Türkei wären da ein Beispiel“, erklärt der Religionswissenschafter.

Zudem gehöre es nun einmal zum Wesen moderner Gesellschaften, dass in ihnen Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenleben, betont Lehmann: „Dafür gibt es Religionsfreiheit.“ (Sonja Fercher, derStandard.at, 21.5.2007)


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