Dirie, Tribes und der Desert Mode

Veröffentlicht am 16. März 2008

Unter bislang noch mysteriösen Umständen verschwand Waris Dirie vergangene Woche für ganze drei Tage in Brüssel. Sich ein Bild davon zu machen, was denn nun tatsächlich passiert sein könnte, fällt schon so ausgesprochen schwer, da sich nicht nur Dirie selbst widersprach, sondern auch noch die anderen Beteiligten. Umso irritierender sind die Aussagen, die Produzent Hannes Rossacher im Interview mit derStandard.at von sich gab, der gerade einen Film über die „Wüstenblume“ dreht.

Ein paar Auszüge: In Brüssel, einer für sie „großen fremden Stadt“, habe sie natürlich zunächst mal nach ihrem „tribe“ gesucht. Klar, das Stammesdenken haben die AfrikanerInnen quasi „im Blut“, auch nach den vielen Jahren, die Dirie nun schon in den USA und Europa lebt und arbeitet: Der „tribe“ bleibt ihr Bezugspunkt.

Anders als die Schwarzen „ticken“ laut Rossacher Weiße, denen so eine Situation seiner Einschätzung nach nicht passiert wäre: „(…) später, während die Polizisten mit ihr Hotels abfahren: jeder Weiße würde sich denken, dass es nur eine Frage der Zeit ist, ehe sie das richtige Haus finden.“

Völlig abgedreht aber wird es, als Rossacher dann allen Ernstes erklärte, wie sich nun also „so eine Schwarze“ in einer unübersichtlichen Situation verhält: „Waris Dirie ging inzwischen Zigaretten schnorren und dabei schaltete sie auf „Desert-Mode“ um, switchte quasi in ein anderes Raum-Zeit-Kontinuum.“

Zu ihrem „Desert-Mode“, so die „profunde Analyse“ von Doc Rossacher, sei dazu gekommen, dass Dirie in London lange halb auf der Straße gelebt hat. Dort habe sie denn noch etwas ganz anderes gelernt: „Streetsmartness“ – was auch immer das sein soll und vor allem wie auch immer sich das mit ihrem „Desert Mode“ vereinbaren lässt.

Wenn man das Interview fertig gelesen hat, kann man eigentlich nur den Kopf schütteln über so viel Schmonzes. Wäre es bloß nur Blödsinn, denn in Wahrheit sind Rossachers Aussagen über die schwarze Dirie und ihre Natur, die sie anders ticken lässt, rassistisch. Umso mehr muss man sich darüber wundern, dass Rossacher auf derStandard.at eine Plattform geboten wurde.

Nach wie vor sind die Umstände von Diries Verschwinden mehr als rätselhaft: Die Aussagen widersprechen sich: Hat nun Dirie in Hotellobbies übernachtet oder nicht? Wenn sie der Polizei davongelaufen ist, nachdem diese ihr auch nicht dabei helfen konnte, das richtige Hotel zu finden: Warum war es für die Polizei so schwer, das richtige Hotel zu finden, wenn man doch ihren Namen wusste? Oder wusste man ihn nicht? Ist es nun der richtige Taxifahrer, der sich bei der Brüsseler Polizei gemeldet hat – oder nicht, wie Diries Manager nun meint? Woher stammen Diries Verletzungen? Und so weiter und so fort. Hat Dirie nun randaliert, wie es SPÖ-Abgeordnete Christa Prets laut APA erzählt hat, oder nicht, wie wiederum der Manager meint? Warum hat man mit ihr kein Interview gemacht?

Fragen über Fragen, die zu klären deutlich wichtiger wäre, als den Ergüssen von Rossacher über Tribes, Desert Mode und Raum-Zeit-Kontinuen Raum – und Zeit – zu widmen.


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