„Juden und Jüdinnen sollen sich besonders gut aufgehoben fühlen“

Veröffentlicht am 27. August 2007

Die Organisation Esra – Hebräisch für „Hilfe“ – betreut MigrantInnen und Holocaust- Überlebende – Einzigartig: Die psychosoziale Ambulanz. (Ein Porträt für derStandard.at)


Unser ältester Patient ist 90 Jahre alt“, erzählt David Vyssoki, „und er hat alle Anzeichen einer post-traumatischen Belastungsstörung.“ Vyssoki ist ärztlicher Leiter der Esra, der jüdischen karitativen Organisation. Sein Patient leidet nicht unter einem erst kürzlich erlittenen Trauma, sondern er ist Opfer der Shoah.

Für die Überlebenden des NS-Terrors da zu sein, dieses Anliegen stand am Anfang von Esra, im Übrigen das hebräische Wort für „Hilfe“. „Wir betreuen alle Opfer des Nationalsozialismus“, betont Geschäftsführer Peter Schwarz im derStandard.at-Gespräch: „Ob politisch Verfolgte, Roma und Sinti oder neuerdings auch Kärntner Slowenen.“ Letztere werden im Rahmen eines jungen Projekts in Zusammenarbeit mit dem Psychologen Karl Ottomeyer aus Klagenfurt unterstützt.

Vehikel zur Integration

Große Bedeutung hat auch ein anderes Tätigkeitsfeld der Esra, nämlich die Unterstützung von jüdischen Zuwanderern. „Es wurde immer deutlicher, dass MigrantInnen aus der ehemaligen Sowjetunion Hilfe brauchen“, erzählt Schwarz. Esra versteht sich als Vehikel, um MigrantInnen das Einleben in Österreich zu erleichtern: „Hinter unserer Arbeit steht ein sehr starkes Bemühen um die Integration, und zwar eine beiderseitige“, betont Gerda Netopil, die Leiterin der Sozialen Arbeit. Inwieweit Letztere immer möglich ist, das sei natürlich eine andere Frage. Angeboten wird ein koscherer Mittagstisch, ein Caféhaus dient als „Ort der Begegnung und Entspannung“, darüber hinaus organisiert Esra Veranstaltungen wie Ausstellungen, Filmabende oder Tagungen.

Die Arbeit von Esra spannt sich von Unterstützung bei der Beantragung von Aufenthaltsgenehmigungen über die Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche bis hin zur psychosozialen Betreuung bei Problemen, die mit der Migration zusammenhängen. Mit vielen Schwierigkeiten, die jüdische MigrantInnen bewältigen müssen, sind auch andere MigratInnengruppen konfrontiert.

Von Usbekistan über Israel nach Österreich

Vyssoki schildert die Geschichte eines Juden aus Taschkent, Usbekistan: „In der Sowjetunion arbeitete er als Professor für marxistische Theorie. Schon damals musste er mit zwei Identitäten zurechtkommen, die sich geradezu gegenseitig ausschließen, denn seine Familie ist streng gläubig.“ Dann wanderte er mit seiner Familie nach Israel aus, und zwar in ein kleines Dorf. Weil für die Familie dieser Wechsel von der Großstadt ins Dorf zu schwer war, übersiedelten sie nach Österreich. „Hier gab es das nächste Problem, denn er beherrschte die Sprache nicht, fand daher keinen adäquaten Job.“

Aber auch der Werdegang der Kinder erfuhr einen Einbruch: „Wären sie noch zu Hause, wären die Kinder auf die Uni gegangen. In Österreich aber gingen sie in die Hauptschule und machten eine Schuster-Lehre.“ Viele Talente bleiben so liegen.

Schwierige Anerkennung akademischer Titel

Jüdische MigrantInnen seien davon insofern besonders betroffen, als eine große Gruppe von ihnen sehr gut ausgebildet sind: „Die meisten haben in Städten gewohnt und die Uni absolviert“, erzählt Netopil. Eines der Probleme ist die mühsame Anerkennung von akademischen Titeln aus dem Ausland.

Netopil weist auf eine weitere Schwierigkeit, die jüdische MigrantInnen ganz besonders betrifft: Viele von ihnen sind von Zwei- und Mehrfachmigration betroffen. „Dies hat Gründe in der Ausübung der Religion, erklärt Netopil: „Orthodoxe Juden wandern und lernen in verschiedenen Gemeinden rund um die Welt.“ Der andere Grund ist der Holocaust, durch den viele JüdInnen – so ihnen überhaupt die Flucht gelang – ins Exil gezwungen wurden: „Der Anteil jener, die nach 1945 nach Österreich zurückkehrten, war nur sehr gering“, bedauert Netopil.

Überschneidungen

Aber nicht nur bei dieser Gruppe überschneiden sich die Aufgaben von Esra, nämlich Betreuung von NS-Überlebenden und MigrantInnen. Ausgelöst durch Antisemitismus setzte in den 70er Jahren eine neue Welle jüdischer Migration ein, und zwar aus der Sowjetunion. Da die Ausreise damals nur nach Israel möglich war, wanderten viele MigrantInnen über Israel weiter, unter anderem nach Österreich. Interessantes Detail: Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion zu Beginn der 90er Jahre kamen Einwanderer aus Mittelasien nach Österreich, die „zum Glück keine direkte Erfahrung mit dem Holocaust hatten“, erzählt Netopil.

Esra ist aber weitaus mehr als eine reine Beratungs- und Interventionsstelle: „Wir sind eine psychosoziale Ambulanz, ein Krankenhaus ohne Betten“, erklärt Vyssoki und fügt stolz hinzu: „Auf unserem Gebiet sind wir einzigartig.“ Es ist nämlich Europas zweites psychosoziales Zentrum für Holocaust-Überlebende und deren Familien.

Spezialisierung mit tragischem Hintergrund

Die Spezialisierung der Ambulanz hat ihren tragischen Hintergrund in der Shoah: „Weil wir viel Erfahrung mit dem Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen haben, werden von anderen Spitälern immer wieder Patienten zu uns überwiesen“, so Netopil. Darüber hinaus wird Esra immer wieder zu Tragödien hinzu gezogen. Nach den Anschlägen des 11. September betreuten die MitarbeiterInnen Angehörige von Opfern, die in Österreich leben. Ebenso waren sie in Galtür oder Kaprun in der Nachbetreuung der Angehörigen im Einsatz.

„Sprechen Sie Russisch?“, fragt Vyssoki am Ende des Gesprächs. „Nein? Schade, sonst hätten sie jetzt bei einer Intervention dabei sein können.“ Weil der Mediziner aus Buchara, der Hauptstadt Usbekistan, stammt, werden immer wieder MigrantInnen aus der ehemaligen Sowjetunion zu ihm geschickt. Grundsätzlich betreut Esra nämlich auch MigrantInnen anderer Religionsgemeinschaften. Sie konzentriert sich allerdings auch aufgrund ihrer Kapazitäten in erster Linie auf jüdische Zuwanderer: „Juden und Jüdinnen sollen sich bei uns besonders gut aufgehoben fühlen“, betont Schwarz.


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