Die Wunden der Nachkommen

Veröffentlicht am 10. Oktober 2013

Die Kärntner Slowenin und Regisseurin Sabina Zwitter-Grilc wünscht sich für den kommenden 10. Oktober eine für sie längst überfällige Entschuldigung für die Verbrechen an den Kärntner Slowenen. Das evangelische Kärntnen setzte sich dieses Jahr mit eben dieser Mittäterrolle kritisch auseinander. (Erschienen in: Die Furche, 10.10.2013)

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Im Film erzählen NS-Opfer ihr Schicksal, es sind Kärntner Slowenen, Roma und Juden. Zwischen die verschiedene Szenen hineingeschnitten ist der Schrei von Munch, einmal als Bild, einmal verkörpert von Menschen. „Das ist der stumme Schrei, der ungehörte Hilferuf, der spätestens bei der Inhaftierung der Menschen erschallt ist und der bis heute den Alltag der jungen Generationen mitgestaltet“, erklärt Regisseurin Sabina Zwitter-Grilc, warum sie dieses Motiv ausgewählt hat. Sie selbst ist Kärntner Slowenin und Nachfahrin von NS-Opfern. Gespräche mit anderen Nachfahren ließen sie eine Gemeinsamkeit entdecken: Die Traumata der Opfer wirken in ihren Kindern und Enkeln bis heute nach. Eindrucksvoll zeigt sie diesen „langen Schatten der Scham“, wie sie dieses Phänomen nennt und deshalb ihrem Film auch diesen Titel gab. „Auf diesen Schrei muss man endlich hören und zur Kenntnis nehmen, welche Wunden diese Menschen in sich tragen“, meint die Regisseurin, die in der Minderheitenredaktion des ORF arbeitet.

Eine dieser Wunden entstand am 10. Oktober 1920. Es ist jener Tag, an dem die Kärntner bei einer Volksabstimmung entschieden, dass Süd-Ost-Kärnten bei Österreich bleibt und nicht an Slowenien geht. Es waren nicht zuletzt die Kärntner Slowenen, die für diese Lösung stimmten, sogar jede zweite Stimme für Österreich war von Kärntner-slowenischen Wählern abgegeben worden. Gedankt hat man ihnen dafür jedoch nicht, ganz im Gegenteil: „Der 10. Oktober war der Startschuss für anti-slowenische Hetze. Diese erreichte ihren Höhepunkt in der NS-Zeit, als sie vertrieben und in KZs deportiert wurden.“

Mit dem Ende des NS-Regimes brachen für Kärntner Slowenen keineswegs bessere Zeiten an. Vielmehr habe man nahtlos an die anti-slowenischen Ressentiments angeknüpft. Für den 10. Oktober wünscht sich Zwitter-Grilc deshalb auch eine andere Gedenkkultur: „Man muss sich einmal bei den Kärntner Slowenen entschuldigen, denn wie auch der Film zeigt, wurden ihnen wurden sehr tiefe Verwundungen zugefügt. Damit diese heilen können, gehört es dazu, dass man sich vor diesen Opfern verneigt und auch sagt: Das wird nie wieder passieren.“

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Täterrolle führte dieses Jahr die Evangelische Kirche in Kärnten. Es ist ein Umweg, der die beiden Kärntner Minderheiten „zusammenführt“. Immerhin leben Protestanten und Kärntner Slowenen in unterschiedlichen Teilen Kärntens. Doch über die Mittäterschaft von Protestanten im NS-Regime gibt es sehr wohl eine Verbindung. „Glaube. Gehorsam. Gewissen. Protestantismus und Nationalsozialismus in Kärnten“ lautete denn auch der Titel dieser Ausstellung. Eines schickt Kurator und Historiker Alexander Hanisch-Wolfram jedoch gleich voraus: Die Gleichung, wonach Protestanten automatisch auch Nazis waren, stimme so pauschal keinesfalls. In der Ausstellung wird denn auch der Widerstand „im kleinen“ gezeigt, denn einen organisierten evangelischen Widerstand wie in Deutschland gab es nicht.

Ebenso gezeigt wird aber auch die unangenehme Seite: Der Einfluss deutsch-nationaler Vorstellungen auf Protestanten in Kärntens Städten, die Beteiligung von evangelischen „Illegalen“ am Juli-Putsch im Jahr 1934, Kollaboration mit den Nazis und nur behäbige Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass der Deutsch-Nationalismus bei Protestanten auf fruchtbaren Boden fiel, hat in der Orientierung an Deutschland als „Mutterland der Reformation“ einen Grund. Als „Wiedervereinigung“ mit diesem Mutterland interpretierten denn auch viele Protestanten den „Anschluss“.

Ein weiterer Strang in einem sehr komplexen Gewirr an Einflussfaktoren war die Los von Rom-Bewegung, eine religiös-politische Bewegung, die sich gegen die von ihnen als „slawenfreundliche“ katholische Kirche richtete – und damit in den Kärntner Slowenen auch ein Feindbild fand. Umgekehrt vermengte sich auch bei den Kärntner Slowenen Kirche und Nationalismus, so Historiker Hanisch-Wolfram. „Da entstand natürlich schnell Konfliktpotenzial, weil Vertreter auf beiden Seiten übers Ziel hinausschossen.“ Für den Historiker liefern diese Elemente teilweise Erklärungen, den Konflikt zwischen Deutsch-Kärntnern und Kärntner Slowenen an sich könne man so allerdings nicht erklären. Schließlich waren Protestanten in Kärnten eine Minderheit und bleiben es bis heute.

Dieser gemeinsame Status als Minderheit ist es denn auch, der für die Regisseurin Sabina Zwitter-Grilc im Vordergrund steht. Die Gleichung von Protestant und Nazi ist ihr fremd: „Der Nazi war der Nachbar und genau das war auch schwer zu verwinden.“ Ihr Blick richtet sich deutlich mehr auf die Geschichte der Protestenten als Minderheit und den Parallelen zwischen den beiden Kärntner Minderheiten. Diese Parallelen führten im Zweiten Weltkrieg allerdings nicht zu einer Solidarisierung der Protestanten mit den vertriebenen Kärntner Slowenen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich dies langsam, aber doch. Ein Beispiel dafür ist der Hirtenbrief des damaligen Superintendenten Paul Pellar aus dem Jahr 1972. Darin äußerte er sich kritisch zum Ortstafelsturm und verwies auf die gemeinsame Geschichte als Minderheit.

Der politische Wechsel sorgte in Kärnten inzwischen für eine Klimaverbesserung, wie Regisseurin Zwitter-Gril wahrnimmt. Ablesen lässt sich dies unter anderem an den Feierlichkeiten am 10. Oktober, die dieses Jahr wieder zweisprachig stattfinden. Allerdings komme diese Verbesserung zu spät und bleibe noch dazu auf symbolischer Ebene. Gelebte Zweisprachigkeit sieht für Zwitter-Grilc anders aus: „Da müsste man große Anstrengungen setzen, damit es attraktiv wird Slowenisch zu lernen, und auch Geld in die Hand nehmen.“ Denn sonst, so befürchtet die Kärntner Slowenin, ist die Kultur und Sprache der Kärntner Slowenen in Gefahr unterzugehen – ganz so, wie es die Nazis wollten.


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