Unipolitik mit Hintertürln

Veröffentlicht am 25. Januar 2006

Die letzten Tage dieser Unipolitik zeichnen sich ab, höchste Zeit für eine offene Debatte und eine transparente Regelung des Unizugangs
Ein Komment@r für derStandard.at/Uni


„Kummts, ich zeig enk ein Hintertürl! Da brauch mr überhaupt kane Koaten! (Alle Ab durch das Hintertürl)“. Dieses Zitat aus „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus charakterisiert treffend, wie in Österreich Unipolitik gemacht wird: Nämlich mit Hintertürl. Gezeigt hat sich dies einmal mehr bei zwei unipolitischen Ereignissen der vergangenen Woche.

Zunächst das Studienangebot der Uni Graz an abgewiesene Studierenanwärter an der benachtbarten Medizinuni: Man lässt die Unis – im Moment noch (?) – die Höhe der Studiengebühren nicht festlegen, dafür können sie aber ein Studienprogramm einführen und dafür schlappe 950 Euro verlangen. Wundern muss man sich eigentlich nicht, wenn sich die Unis keine Gelegenheit entgehen lassen, ihr Budget über auf diese Weise aufzupolieren. Irritierend allerdings, mit welcher Unverfrorenheit eine Uni daraus Profit schlägt, dass Studierende keinen Studienplatz bekommen haben.

Ein zweites Beispiel ist die Ankündigung der Medizinunis Wien und Innsbruck, ab dem Wintersemester 2006 deutlich weniger Studierende aufzunehmen. Beschränkung auf Umwegen auch hier: Zwar hat man den Unis vor dem EuGH- Urteil keine Zugangsbeschränkungen am Anfang des Studiums erlaubt. Dafür aber konnten sie die TeilnehmerInnenzahl bei Lehrveranstaltungen beschränken. Nichts anderes haben die Medizinunis im zweiten Abschnitt nämlich gemacht.

Nun vollziehen sie etwas, das eigentlich schon viel früher im System des Unigesetzes angelegt war, während alle noch vom offenen Hochschulzugang sprachen. Denn mal ehrlich: Was bringt es, wenn man 1.560 Studierende aufnimmt, aber nur 600 von ihnen die nötigen Lehrveranstaltungen im zweiten Abschnitt besuchen können oder eben warten müssen, bis sie an die Reihe kommen? Oder sie für 360 Euro an einem virtuellen Campus studieren zu lassen wie an der Medizinuni Graz (für eine live-Betreuung fehlten der Uni nämlich die Mittel…) und sie dann vielleicht auch noch mit einem zweifelhaften Überbrückungslehrgang zu schröpfen?

Das Praktische an dieser Unipolitik ist, dass die Bereitschaft für Zugangsbeschränkungen sukzessive wächst. Aber eben nicht, weil man nach einer Debatte über Vor- und Nachteile von verschiedenen Systemen zu einer Entscheidung gekommen wäre, sondern letztlich weil die bestehende Situation immer unerträglicher wird.

Die letzten Tage dieser Unipolitik zeichnen sich allerdings bereits ab: Die Medizinuni Wien fordert, das Hintertürl zum Haupteingang zu machen. Höchste Eisenbahn also für eine offene Debatte und eine transparente Regelung des Unizugangs. (Sonja Fercher, derStandard.at, 25.1.2006)


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