Investigativjournalismus: Mit Daten auf der Spur von Mysterien

Veröffentlicht am 05. Februar 2013

Der preisgekrönte US-Journalist Christian T. Miller war vergangene Woche im Forum Journalismus und Medien Wien zu Gast und sprach zur Zukunft des Investigativjournalismus, wie JournalistInnen weltweit über den Umweg über die USA an wichtige Informationen herankommen können und warum Kooperation statt Konkurrenz ein Rezept für die Zukunft sein könnte.

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„News is something someone somewhere doesn´t want printed. Everything else is advertising.“ „Nachrichten sind etwas, von dem irgendjemand irgendwo nicht möchte, dass es publiziert wird. Alles andere ist Werbung.“ Für den preisgekrönten Journalisten T. Christian Miller von ProPublica trifft diese Definition von Lord Northcliffe am besten, worum es bei Investigativjournalismus geht. Dabei unterscheidet Miller zwischen Geheimnissen und Mysterien: Während jemand bei ersteren aktiv versucht, sie zu verstecken, würden bei zweiteren die Informationen meist frei auf der Straße herumliegen. Allerdings sei es der Job der JournalistInnen, diese in einen Zusammenhang miteinander zu bringen und zu entschlüsseln. Als Beispiel nannte Miller die aktuelle Debatte um die Wasser-Privatisierung in Europa: „Man könnte ja zum Beispiel der Frage nachgehen, wer der bessere Wasseranbieter ist: Private Unternehmen oder der Staat. Um eine Antwort zu finden, könnte man die Informationen über die Wasserqualität von privaten und staatlichen Anbietern sammeln, die öffentlich zugänglich sind, und vergleichen“, meint Miller.

Datenjournalismus ist derzeit in aller Munde – und auch im Investigativjournalismus spielen Daten eine wichtige Rolle, auch wenn, wie Miller humorvoll meint, der Gedanke an Excel-Tabellen manchen JournalistInnen die Schweißperlen auf die Stirn treiben würde. Während des Expert Workshops zeigte der US-Journalist, wie man im Internet zu Daten kommt, die bei der Arbeit als Investigativjournalist nützlich sein können. Seine These: Weil die USA eine „Hypermacht“ sind, haben sie ihre Finger überall drinnen. Gepaart mit dem leichteren Zugang zu bestimmten Daten in den USA (Stichwort Freedom of Information Act) werde es auch Journalisten außerhalb der USA möglich, Zugang zu Informationen zu erhalten – über den Umweg der USA. „Wikileaks sind in Wahrheit Informationen, die sich jeder Journalist ohne Probleme hätte beschaffen können.“ Auf diese Quellen könnten auch JournalistInnen bei Ihren Recherchen zurückgreifen.

Für Miller geht es insofern nicht nur darum, ob JournalistInnen denn die richtigen Fragen stellen. Sie müssten auch wissen, wo sie Material zur Beantwortung dieser Fragen finden. Eine Live-Recherche nach Excel-Dokumenten im Internet spuckte etwa aus, wie viel Geld die neuen US-Botschafter im Wahlkampf jeweils an Demokraten und Republikaner gespendet haben. In Zusammenhang mit einer anderen Tabelle, in der die Länder aufgelistet sind, in die die SpenderInnen entsendet wurden, könne man einen ersten Zusammenhang sehen und als Basis für weitere Recherchen verwenden.

Freudentänze statt Schweißperlen bei Datenfund

Kurz und gut: Stoße man im Internet bei Recherchen auf Excel-Tabellen, so müsse dies für jede/n gute/n InvestigativjournalistIn Anlass für einen Freudentanz sein. Im Rahmen des Workshops zeigte Miller den anwesenden JournalistInnen Möglichkeiten auf, zu Daten zu kommen, sie zu verarbeiten und verknüpfen – und sie letztlich auch für die LeserInnen aufzubereiten. Doch anders als im Datenjournalismus geht es beim Investigativjournalismus nicht in erster Linie um die visuelle Aufbereitung, vielmehr dienen die Daten als Unterfütterung von eigenen Recherchen oder aber überhaupt erst zum Entschlüsseln von Mysterien.

Was macht einen Investigativjournalisten nun aus? Miller plakativ: „Journalisten schreiben meistens über jene, die ausgenutzt werden. Mein Job ist es über jene zu schreiben, die sie ausnützen.“  („Most journalists write about people who get fucked, my job is to write about the fuckees.“) Anders ausgedrückt: Das öffentliche Interesse müsse im Vordergrund stehen. Die erste Motivation müsse sein, etwas verbessern oder verändern zu wollen – und nicht gratis Fußballtickets zu bekommen oder berühmt zu werden. Investigativjournalismus widme sich Menschen, die keine Macht haben. Ausgangspunkt dabei sei weniger das Gefühl der Trauer über die Zustände, sondern vielmehr Wut darüber. In diesem Sinne gehe es nicht nur darum, Missstände aufzudecken: Jeder/jede InvestigativjournalistIn müsse sich auch die Frage stellen, wer diesen Misstand beheben könne und wie. Als gute/r InvestigativjournalistIn dürfe man letztlich auch nicht davor zurückschrecken, eine Geschichte fallen zu lassen, wenn sie zusammenfällt. „Man kann sich irren, denn es gibt immer zwei Seiten zu jeder Geschichte“, so Miller.

Gute Geschichte statt Redaktionsschluss im Vordergrund

Das öffentliche Interesse: Dieses ist schon allein im Namen des Mediums enthalten, bei dem Miller selbst als Senior Reporter arbeitet: ProPublica. Im Rahmen des Seminars schilderte Miller das Modell dieser Zeitung – die, wie er immer wieder lachend betont, kein Businessmodell hat. Ein Team von ca. 30 JournalistInnen ist dort mit Investigativjournalismus beschäftigt. Anders als bei anderen journalistischen Formen gehe es bei Investigativjournalismus nicht in erster Linie darum, eine Geschichte bis zu einem bestimmten Redaktionsschluss fertig zu machen. Vielmehr gehe es darum, dass die Geschichte gut ist. Deshalb könne es durchaus auch mehrere Monate bis zu einem Jahr dauern, bis eine Geschichte fertig ist. Ein Modell, das angesichts des immer mehr steigenden Aktualitätsdruck, dem Medien heutzutage unterworfen sind, wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Möglich wird das durch die großzügige Spende der früheren Immobilienbanker Herbert und Marion Sandler. Die beiden Milliardäre finanzieren das Projekt mit 10 Millionen US-Dollar pro Jahr. Denn die aufwendigen Recherchen können denn schon mal eine halbe Million US-Dollar kosten, wie dies bei zwei Geschichten der Fall war, die mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurden (http://www.propublica.org/article/a-note-on-propublicas-second-pulitzer-prize). Nicht alle Stories seien so teuer, durchschnittlich aber kosten Geschichten bei ProPublica immer noch 100.000 Dollar.

Kooperation als Rezept für die Zukunft

Die hohen Kosten würden inzwischen viele Medien dazu treiben, ihre Investigativressorts zu schließen. Doch damit würden Medienunternehmen einen Fehler machen, Investigativgeschichten würden den Medien auf lange Sicht mehr Einnahmen bringen, ist der US-Journalist überzeugt. Die auf ProPublica publizierten Artikel sind frei zugänglich, werden allerdings immer in Kooperation mit etablierten Medien in den USA publiziert. „Am besten funktioniert das, wenn wir eine Kooperation mit einer Printzeitung und einem Radio- oder Fernsehsender machen.“ Sobald die Geschichte publiziert sei, könne sie jede/r aufnehmen – unter der Bedingung, dass korrekt zitiert wird.

Kooperation statt Konkurrenz: So lautet denn auch ein wichtiges Rezept für Investigativjournalismus, ist Miller überzeugt. Normalerweise seien Journalisten nicht gerade die kooperativste Berufsgruppe, geprägt von dem Bestreben nach Exklusivgeschichten, was Teamwork nicht gerade fördert. „Zusammenarbeit wird zentral werden, denn es wird wohl der einzige Weg sein, wie man sich Kosten teilen kann. Außerdem geht es um den Multiplikatoreneffekt.“ Denn wenn es um die Wirksamkeit von Aufdeckergeschichten gehe, so müsse man immer danach bestrebt sein, den größten Effekt zu erzielen, um letztlich auch etwas ändern zu können. Der Trend im Journalismus allerdings geht derzeit (noch?) nicht in diese Richtung. Aber vielleicht ist die Wut darüber noch nicht groß genug, um die richtige Fragen zu stellen und nach einer Möglichkeiten zu suchen, wie dieser Zustand verändert werden könnte. (Auch erschienen im FJUM-Blog)


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