Frankreich: Verkürzung für Jobs

Veröffentlicht am 01. Juli 2011

In Frankreich brachte die 35-Stunden-Woche in vier Jahren 350.000 neue Arbeitsplätze. Andere Länder setzten in der Krise auf die Kurzarbeit – ebenfalls eine Form der Arbeitszeitverkürzung. (Solidarität 07-08/2012)

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„Auch die Kurzarbeit ist eine Form der Arbeitszeitverkürzung.“ Mit dieser Aussage begegnet Eric Heyer dem skeptischen Blick auf die 35-Stunden-Woche, die in Frankreich seit mehr als zehn Jahren gilt. „In allen europäischen Ländern wurde in den vergangenen Jahren die Arbeitszeit verkürzt, nur waren die Wege unterschiedlich. Frankreich ist das einzige Land, das die legale wöchentliche Arbeitzeit reduziert hat. Andere haben etwa die Teilzeit gefördert“, so der Wirtschaftsforscher vom Pariser Institut OFCE. Mit der Einführung der 35-Stunden-Woche

Ende der 1990er-Jahre verfolgte die linke Regierung unter Lionel Jospin vor allem ein Ziel: Die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, die damals in Frankreich sehr hoch war. Wie das französische Statistikamt errechnet hat, wurden durch die Arbeitszeitverkürzung zwischen 1998 und 2002 in der Tat 350.000 neue Jobs geschaffen.

Wettbewerbsfähig

Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die das Budget schwer belastet, wie GegnerInnen einwenden? Ja, natürlich sei sie nicht umsonst gewesen. Immerhin habe es finanzielle Anreize für die Firmen gegeben. Doch man dürfe dies nicht isoliert betrachten, so Wirtschaftsforscher Heyer. Schließlich seien im Gegenzug die Kosten der Arbeitslosenversicherung gesunken. Zudem seien durch die zusätzlichen Jobs Mehreinnahmen hereingekommen: Über den Lohn, aber auch über den gesteigerten Konsum. Auch in Sachen Wettbewerbsfähigkeit stehe Frankreich nicht schlechter da als etwa Deutschland, so Heyer. Denn die Produktivität sei durch die Arbeitszeitverkürzung gestiegen.

Der wesentliche Grund für Heyer, warum die Konservativen die 35-Stunden-Woche nicht abgeschafft haben, obwohl sie nur zwei Jahre nach deren Einführung an die Macht kamen: Im Gegenzug gab es eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Boris Plazzi von der Gewerkschaft CGT zieht deshalb auch eine „zwiespältige Bilanz“: „Der Druck auf manche ArbeitnehmerInnen ist gestiegen.“ Außerdem habe es nicht überall einen vollen Lohnausgleich gegeben. Nichtsdestotrotz steht Plazzi zu dieser Maßnahme, immerhin wurden dadurch Arbeitsplätze geschaffen. Durch die Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern wurden zudem Verbesserungen erreicht – in Frankreich sind solche Verhandlungen anders als in Österreich nicht Alltag. Worin sich Frankreich außerdem von anderen europäischen Ländern unterscheidet: Es gibt mehr Vollzeit- und weniger Teilzeit-Arbeitsplätze – und wer Teilzeit arbeitet, leistet mehr Stunden.

Ein Weg

Um auf die eingangs getroffene Feststellung zurückzukommen: „Man kann natürlich die Frage stellen, ob der deutsche, der französische oder der niederländische Weg der bessere ist, die Niederländer haben ganz massiv auf Teilzeit gesetzt. Das ist dann allerdings eine andere Diskussion“, so Heyer.


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