Sich vom Ohr und/oder Menschenmassen treiben lassen: Das beste Rezept für die „Fête de la musique“

Veröffentlicht am 25. Juni 2012

Bei den Parlamentswahlen hat es für Jacques Lang nicht mehr gereicht: Obwohl er dieses Mal in seinem Heimat-Département Vosges kandidierte, schaffte er den Einzug in die Nationalversammlung nicht mehr. Doch nur wenige Tage nach seiner Niederlage stand Frankreich einmal mehr ganz im Zeichen von Jacques Lang: Am Donnerstag war Fête de la Musique, die auf die Initiative des einstigen Kulturminister von Francois Mitterrand zurückgeht: Seit dem Jahr 1982 wird diese jedes Jahr am 21. Juni in Frankreich gefeiert.

Es ist ein Erlebnis und der beste Tipp für den Abend, an dem ein Konzert das andere jagt, lautet: Sich einfach treiben lassen – vom Ohr und/oder von Menschenansammlungen. Denn auch wenn an diesem Abend ein Haufen professioneller bzw. bekannter MusikerInnen auftritt, so ist die Fête de la Musique vor allem als Bühne für AmateurmusikerInnen gedacht. So habe ich mich denn auch dieses Mal wieder treiben lassen und kam dabei voll auf meine Kosten. Hilfreich ist allerdings zweifellos, sich vorher schon für einen gewissen Bereich zu entscheiden, in dem man sich rumtreibt. In meinem Fall: Der Est Parisien, also der Osten von Paris. Ausgangspunkt war das Bassin de la Villette, weiter ging´s entlang des Canal St. Martin, weiter in die studentische Weggeh-Hochburg Oberkampf hin nach Ménilmontant. Endstation: Bastille.

Der Canal St. Martin ist einfach wunderschön und nicht umsonst diente er im Film Amélie Poulain auch als Kulisse, durch den er denn auch weltweit bekannt wurde. Schon wenn nichts Besonderes los ist, ist dort bei schönem Wetter was los, der ist ein wunderbarer Ort zum Picknicken. Und ich sollte nicht enttäuscht werden: An den Ufern saßen Unmengen von Menschen, die den schönen Abend genossen, und am Canal selbst und in den Seitengassen, die von ihm wegführen, gab es einiges zu hören.

Angezogen wurde ich von einer Gruppe von Menschen, die sich oberhalb eines Treppenabgangs versammelten und auf etwas hinunterblickten: Eine Easy-Listening-Truppe hatte es sich einer Straßenecke unterhalb des Canal gemütlich gemacht und unterhielt mit akustischen Klängen ihre ZuhörerInnen. Eine Gasse weiter stolperte ich über eine Rock-Band, dessen Sänger in organgenem Ganzkörperanzug in einer Gasse für Unterhaltung sorgte.

Zurück am Canal St. Martin – und schon hieß es wieder Stehenbleiben: An einem Platz hatte sich eine große Truppe breitgemacht, die trommelähnlichen metallenen Instrumenten wunderbare Melodien entlockte: Die Calypsociation.

Meinen nächsten Stopp hatte ich aufgrund der großen, gröhlenden Menschenansammlung schon von Weitem ausgemacht: Die „Digital Squad Productions“ hatten einfach Boxen in zwei Fenster im ersten Stock eines Wohnhauses am Canal St. Martin gestellt und beschallten eine Traube von Menschen, die sich euphorisch der Elektromusik hingab. Die Polizei war auch vor Ort – doch anders als von mir befürchtet galt deren Aufmerksamkeit weniger der ohrenbetäubend lauten Musik, sondern vielmehr einer Parksünderin. Ein Polizist und seine Kollegin machten ihr den Weg durch die tanzenden Menschen frei – und bescherten letzteren eine größere Tanzfläche.

Weiter ging´s auf meinem Spaziergang und nur wenig später sollte ich auf die nächste Attraktion stoßen: Eine schwimmende Tanzfläche, die gerade den Canal hinauf geschleust wurde.

Schweren Herzens ließ ich den Canal St. Martin hinter mir, doch mir blieb nur wenig Zeit für Nostalgie: Vor einer Bar spielte eine karibische Truppe, später verstärkt von einem Musiker aus Liberia. Treustes Publikum: Zwei Kinder, von denen eines tanzte, während das andere den Trommler nachzumachen versuchte. Außerdem im Publikum: Ein Mann, sein Saxophon umgehängt, das er immer wieder zückte, um in die Musik einzustimmen. Immer wieder blieben Leute unterschiedlichen Alters stehen, hörten zu, tanzten mit. Zwei ältere Frauen konnten sich kaum losreißen: „Komm, wir müssen!“, mahnte eine, der anderen zulachend – und auch ich zog weiter.

Das Studierendenviertel Oberkampf war knallvoll mit tanzenden Menschen. Eine der Bars hat sich auf der Straße ausgebreitet und kunstvolle Sitzgelegenheiten aufgestellt: Von Fässern über Einkaufswägen bis hin zu einer alten, umgearbeiteten gusseisernen Badewanne. Neben der Bar hatte eine Kfz-Werkstatt ihre Tore geöffnet, im Eingang saßen vier Personen und genossen die Gratis-Unterhaltung von ihren Nachbarn.

Wo finde ich nur arabische Musik, fragte ich mich. Immerhin hatte ich die Fête de la Musique mit dieser Musik am späten Vormittag mit dem Film „El Gusto“ begonnen, einer Art Art Buena Vista Social Club aus Algier. Doch auf der Straße wurde ich leider nicht fündig. Als ich so durch die Gegend spazierte, hörte ich auf einmal arabische Melodien: Sie kamen von einem „Epicier“ – oder Greisler auf gut Österreichisch -, der die Musik in seinem Geschäft „à fond“ aufgedreht hatte. So geht´s also auch! Es sollte nicht die einzige beschallte Epicérie bleiben, aber leider der einzige Ort mit arabischer Musik auf meinem Weg.

In Seitengassen stolperte ich über mehr oder weniger gute Aufführungen, doch das ist das Gute am sich-treiben-lassen: Man kann, je nach Gusto, stehen bleiben oder weiterziehen. Auch der nächste Halt kam denn eher per Zufall: Ich wurde geradezu zum Anhalten gezwungen, da die Seitengasse vollgestopft war von Menschen, die zu Samba-Rhytmen tanzten – und denen ich mich bereitwillig anschloss.

Nach einer Weile stand mir dann wieder der Sinn nach etwas anderem. Ich zog also weiter, um mich einer Musikdemo anzuschließen, die die steile rue Ménilmontant hinauf zog, immer einer Truppe von TrommlerInnen nach. Diese schien die ganze Gegend aus dem Bett trommeln zu wollen. Auf ihrem Weg sammelte sie immer wieder neue Menschen auf, ob Schwarze aus einem SeniorInnenheim oder AraberInnen, die die brasilianischen Trommlerrhytmen lautmalerisch ergänzten.

Es war dies meine letzte musikalische Station, auch wenn ich von dort aus noch bis zur place de la Bastille marschierte in der Hoffnung, noch eine andere Truppe anzutreffen. Dazu aber war es leider schon zu spät – genauso wie für ein öffentliches Verkehrsmittel. Mit viel Glück gelang es mir, noch ein freies Taxi herauszufischen – nach sieben Stunden Fußmarsch und Tanzerei ließ ich mich denn auch sehr gerne direttissima gen Heimat fahren.

Keine einfache Aufgabe für TaxlerInnen, dachte ich mir, noch das betrunkene Trio im Kopf, das mich auf dem Weg Richtung Bastille begleitet und die Kreuzungen neben anderen FußgängerInnen unsicher gemacht hatte. „Heut geht´s zu wie zu Sylvester“, bestätigt denn auch der Taxler. „Aber sie scheinen ja auch fest getanzt zu haben“, sagt er, als ich wieder einmal herzlich gähne. Ich gebe ihm recht und lasse den wunderbaren Abend noch einmal Revue passieren. Eine wirklich tolle Erfindung, Monsieur Jacques Lang, diese Fête de la Musique!

(Dieser Artikel erschien auch unter www.paroli-magazin.at)


1 Kommentar zu Sich vom Ohr und/oder Menschenmassen treiben lassen: Das beste Rezept für die „Fête de la musique“

  • […] des Frühsommers der Anarchie, der an diesem Tag zu Gunsten der Musik herrscht: Da werden nicht nur Autos aus dem Weg geräumt, sondern auch Grünflächen erobert. Einfach […]

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