Das P-Wort

Veröffentlicht am 13. Juni 2011

Wie immer, wenn ein Fußball-Match mit Deutschland ansteht, macht der „Piefke“ die Runde, leider nicht nur im Boulevard. So war im Kurier zu lesen, dass es Martin Harnik gelassen nimmt, wenn er als Piefke bezeichnet wird. News hob einen Bericht über Jogi Löw aufs Cover, Überschrift: „Der Piefke, sympathisch“.

Bemerkenswert ist unter anderem, mit welcher Selbstverständlichkeit das P*-Wort verwendet wurde und wird. Im Grunde ist der Begriff nämlich nichts anderes als andere Beschimpfungen, die in Österreich für MitbürgerInnen aus anderen Ländern verwendet werden. Dennoch ist das vielen nicht bewusst. Warum das so ist, ist leicht erklärt. Es hat seine Ursache darin, wie ÖsterreicherInnen ihr  Verhältnis zu Deutschland sehen, nämlich ein kleines Land, das einem großen Land gegenüber steht. Nicht umsonst ist oft vom „Großen Bruder“ die Rede. Ein „großer Bruder“ als Opfer? Schwer denkbar! Und doch ist es ein Individuum, das bisweilen als P* beschimpft und damit beleidigt wird. Das Gefühl ist das gleiche, auch wenn die Person aus dem großen „Bruder“land kommt und in Österreich lebt.

Lass doch die Kirche im Dorf, heißt es dann oft beschwichtigend, all das seien doch nur um liebevolle Hänseleien. Ja, es ist richtig, in vielen Fällen geht es nur um liebevolle Hänseleien, aber eben nur in vielen Fällen. Vor allem aber muss die Kirche im Dorf gelassen werden, wenn man die Konsequenzen der Vorurteile gegenüber Deutschen ansieht. Denn in den meisten Fällen bleibt es bei der Beschimpfung, während andere in Österreich lebenden MigrantInnen durch die Vorurteile weitaus schwerwiegendere Nachteile haben (siehe die Berichte im Rassismus Report von ZARA). Nichts desto trotz bleibt: Nicht alles, was den „großen Brüdern und Schwestern“ an den Kopf geworfen wird, ist eine liebevolle Hänselei, die sie unberührt lässt.

Wären da nicht die News-Artikel gewesen, ich hätte es mir vielleicht verkniffen, einen Kommentar zu schreiben. Aber da ist mal diese Überschrift zum Löw-Interview: Offensichtlich ist es etwas Besonderes, dass es da einen sympathischen P* gibt. Im Blattinneren heißt es dann: Er könne „Trendsetter für das andere, vielen negativen Klischees entsprechende Bild von „den“ Deutschen“ sein. So? Nicht das Klischee an sich muss dekonstruiert werden, weil es nur ein Klischee ist, sondern es muss einen Menschen geben, der zeigt, dass es auch „andere“ Deutsche gibt. So wird das Opfer des Vorurteils zu dessen Dekonstrukteur. Opfer-Täter-Umkehr nennt man sowas.

In einem weiteren Artikel widmet sich News in Österreich lebenden Deutschen. Da wird das Bild der „gedemütigten österreichischen Fans“ bemüht, so als würde die deutsche Mannschaft gegen Österreich nur deshalb gewinnen, weil sie Österreich demütigen will. Und es ist die Rede von der „Deutschen-Schwemme“, von Numerus Clausus Flüchtlingen, die die Unis „stürmten“. Und davon, dass das österreichische Sozialsystem (!) generöser sei als jenes in Deutschland.

Es sind dies lauter Bilder, wie sie auch in Bezug auf andere MigrantInnen-Gruppen verwendet werden. Und hier komme ich wieder an den Anfang des Kommentars zurück: Wenn es den „großen Bruder“ betrifft, setzt bei vielen das Sensorium für Vorurteile aus.

In einem extra Kästchen gibt News dann noch Verhaltenstipps. „So tickt der P*“ heißt es da. Man solle nicht glauben, „der P*“ sei schlauer, nur weil „er“ schneller spricht. Was echt? Und man solle keine „falsche Ehrfurcht“ haben, „der P*“ sei „harte Kritik und deutliche Worte“ gewohnt. Na dann! Spaßig gemeint? Mag wohl sein. Immerhin treibt das Kästchen die seltsame Haltung der ÖsterreicherInnen gegenüber ihren deutschen NachbarInnen auf die Spitze. Nur fällt mir das Schmunzeln angesichts der anderen Inhalte leider schwer.

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