Soziologe Hugues Lagrange über die neue Dimension der Unruhen und die anhaltenden Probleme in den Banlieues. (Ein Interview für derStandard.at)
Zwei Jahre nach den Unruhen in den französischen Vorstädten brannten Anfang dieser Woche wieder Autos. Anders als damals aber richtete sich die Aggression der Randalierer nicht nur auf Dinge, sondern auch auf Menschen, ja es wurde gar mit scharfer Munition geschossen. Im Interview mit derStandard.at zeigt sich der Soziologe Hugues Lagrange erstaunt, dass nicht nur Jugendliche, sondern auch deren Eltern an den Unruhen teilnahmen. Dies deute darauf hin, dass sich hier nicht nur die Wut der Jugendlichen entlade, sondern dass es in den Banlieues nach wie vor viele Probleme gibt. Das Gespräch führte Sonja Fercher.
derStandard.at: Es scheint, als wäre in Frankreich niemand so recht überrascht über diesen neuerlichen Ausbruch der Gewalt. Auch Sie nicht?
Hugues Lagrange: Alle Beobachter sind sich einig, dass das wenig überraschend ist, aber dass dennoch eine neue Dimension erreicht wurde. Noch ist eine Analyse schwierig, aber viele der Probleme sind nach wie vor ungelöst.
Nach wie vor herrscht in diesen Vierteln das Gefühl vor, Diskriminierungen ausgesetzt zu sein und in einem Ghetto isoliert zu werden. Zudem gibt es enorme Spannungen zwischen den Jugendlichen und der Polizei. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund haben große Ressentiments, weil sie ständig Kontrollen über sich ergehen lassen müssen. In einem Kontext wie diesem, geht es wohl darum, Revanche für die täglich erlittenen Erniedrigungen zu nehmen.
Sechs Jahre, eine ziemlich lange Zeit, in der ich viele spannende Geschichten machen konnte, sehr viel gelernt habe und die nun zu einem Abschluss kommt. Zeit natürlich, um zu rekapitulieren, um Dinge Revue passieren zu lassen. Ach ja, es waren schon aufregende Jahre. Schließlich hätte ich mir nie und nimmer gedacht, dass ich mal bei einer Online-Redaktion landen würde. Ich und das Internet? Vor sechs Jahren war das für mich noch kaum vorstellbar, und weil unsere Arbeit damals noch hauptsächlich darin bestand, Agenturmeldungen und Zeitungsartikel zu kopieren, habe ich auch schon nach wenigen Monaten begonnen, meine ersten Bewerbungen zu schreiben.
Der Religionswissenschafter Mouhanad Korchide befragte muslimische Jugendliche in Österreich zur Bedeutung von Religion. Von den Ergebnissen war er teilweise “selbst überrascht”: So besteht beispielsweise kein direkter Zusammenhang zwischen Religion und patriarchalen Vorstellungen. Auch andere Vorurteile gegen Muslime konnten weitgehend widerlegt werden: 90 Prozent der befragten Jugendlichen stehen der österreichischen Gesellschaft weder ablehnend gegenüber noch hängen sie radikalen Vorstellungen an. Die Fragen stellte Sonja Fercher.

