Das gemeinsame Boot ist leck – Standpunkt

Veröffentlicht am 9. Oktober 2016 | Kein Kommentar

Wem Fakten wichtiger sind als diffuse und emotionale Debatten, der oder die wird im Moment in der Debatte über Integration auf eine sehr harte Probe gestellt. Da wird behauptet, MigrantInnen würden den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen, zugleich aber wird beklagt, dass sie nicht arbeitswillig seien. Da wird hitzig über den Burkini gestritten, obwohl sich die Diskussion selbst in Frankreich als populistische hei.e Luft entpuppt hat. Da wird die Einhaltung von Werten verlangt, ohne dass genau definiert wird, welche damit nun konkret gemeint sind – ganz zu schweigen davon, ob die „einheimische Bevölkerung“ sie denn nun so uneingeschränkt teilt, wie gerne suggeriert wird.

Fokus verlagern

Über Integration kann wohl deshalb so leidenschaftlich diskutiert werden, weil es keine einheitliche Vorstellung davon gibt, was der Begriff denn nun eigentlich bedeutet. So kann jede/r alles hineinprojizieren. Zugleich aber läuft man Gefahr, sich in Nebenschauplätzen zu verlieren, wie man im Moment nur allzu deutlich sehen kann – was wiederum Gift für die Integration ist. Dabei gibt es allein beim Thema „Integration und Arbeitsmarkt“ eine Fülle an Informationen und offenen Fragen, über die zu diskutieren sehr lohnenswert wäre – und wovon nebenbei bemerkt sogar alle ArbeitnehmerInnen profitieren würden.

Natürlich ist das in gewisser Weise auch unangenehm, denn ein Fazit aus den Recherchen für dieses Heft lautet: Vorurteile und Diskriminierungen behindern die Integration am Arbeitsmarkt. Doch weil genau dies hierzulande Tabuthemen sind, sind die Nebenschauplätze wohl so reizvoll, da sie keine Selbstkritik voraussetzen. Diese Selbstkritik aber ist notwendig. Schließlich ist es schlichtweg inakzeptabel, dass Menschen in Österreich deutlich mehr von Arbeitslosigkeit betroffen sind, deutlich öfter Berufe ausüben, für die sie überqualifiziert sind, deutlich häufiger gar nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden als andere – und zwar einzig und allein, weil sie Migrationshintergrund haben.

Der Soziologe August Gächter schildert in einem Aufsatz ein sehr aufschlussreiches Beispiel: Laut Grundrechteagentur sind Frauen mit türkischem Migrationshintergrund sogar unabhängig von ihrer Bekleidung von Ablehnung am Arbeitsmarkt betroffen. Die Argumente der Arbeitgeber: der angebliche Kinderreichtum oder aber dass bei ihnen die Familie vorgehe. Gächter weist darauf hin, dass sich Ersteres statistisch nicht belegen lasse, während für Zweiteres ein unzureichendes Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen verantwortlich sein könnte. Diese Beispiele scheinen mir deshalb so passend, weil sie zeigen, wie sehr alle profitieren würden, wenn entsprechende Maßnahmen gesetzt werden: Ein Ausbau der Kinderbetreuung würde schließlich auch Frauen ohne Migrationshintergrund das (Arbeits-)Leben erleichtern. Schließlich bedeutet keinen Migrationshintergrund zu haben nicht automatisch, dass man Familie in der Nähe hat, die helfend einspringen könnte. Auch von familienfreundlichen Arbeitsplätzen würden alle profitieren. Und ob Mann oder Frau, ob mit oder ohne Migrationshintergrund: Es ist ein Problem, wenn er oder sie nicht entsprechend seiner oder ihrer Ausbildung beschäftigt ist.

Mehr Ehrlichkeit und Selbstkritik

Aber warum fällt es in Österreich so schwer, über Vorurteile und Diskriminierungen zu sprechen? August Gächter hat dafür eine schlüssige Erklärung: Diskriminierer und Diskriminierte sitzen insofern in einem Boot, als sich die einen nicht als Täter und die anderen nicht als Opfer sehen möchten. Beides ist nur allzu nachvollziehbar, schon gar wenn damit eine Schmähung verbunden ist. Ein Anfang wäre, wenn man akzeptieren würde, dass leider jeder Mensch Vorurteile hat. Dann nämlich könnte man diese aufarbeiten und dem entgegenwirken. Mehr Ehrlichkeit und Selbstkritik also, die auch der ganzen Diskussion über Integration guttun würde, vor allem aber den Chancen der hier lebenden Menschen. (Arbeit&Wirtschaft, 7/2016)

Wer ist hier integrationsunwillig?

Veröffentlicht am 9. Oktober 2016 | Kein Kommentar

Je besser sie ausgebildet sind, desto eher arbeiten MigrantInnen in einem Beruf, für den sie überqualifiziert sind.
Text: Sonja Fercher | Fotos: Michael Mazohl

Arbeit&Wirtschaft 7/2016

bildschirmfoto-2016-10-09-um-15-13-37Ich putze auch. Ich schaue nicht drauf, was mir da oder dort nicht passt. Mir ist egal, welche Arbeit. Hauptsache Arbeit.“ Was diese Gastarbeiterin schildert, ist wohl eine der einfachsten Erklärungen für das, was in der Fachsprache „Dequalifizierung“ genannt wird. Damit gemeint ist, dass Menschen einen Arbeitsplatz annehmen, für den sie eigentlich überqualifiziert sind. Das Zitat stammt von einer jener Gastarbeiterinnen, die seit den 1970er-Jahren nach Kärnten gekommen sind und die von der Kärntner Wissenschafterin Viktorija Ratkovic für ein Forschungsprojekt befragt wurden. Alle hatten in ihrem Heimatland eine Ausbildung als Buchhalterin, Bürokauffrau oder Handelskauffrau absolviert – und alle waren in unqualifizierten Tätigkeiten beschäftigt, ob im Tourismus oder in der Fabrik am Fließband.

Zweifellos gibt es viele Gründe, warum MigrantInnen stärker von Dequalifizierung betroffen sind als ÖsterreicherInnen. Doch es lässt sich nur zum Teil durch individuelle Faktoren wie sprachliche Hürden oder die schwierige Anerkennung ausländischer Abschlüsse erklären. Gernot Mitter, Arbeitsmarktexperte der AK, benennt eine weitere wichtige Ursache: „Wir haben eine ethnische Diskriminierung von Personen mit Migrationshintergrund am Arbeitsmarkt. Eine Ausprägung davon ist, dass sie eher unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt werden.“

Je besser ausgebildet, desto schlechtere Chancen: So lautet der frustrierende Befund aus verschiedenen Untersuchungen. Der Soziologe August Gächter hat die „Integrationsleistung des Arbeitsmarkts“ untersucht, nicht berücksichtigt in dieser Analyse sind die zuletzt dazugekommenen Flüchtlinge. Ein wesentlicher Befund betrifft alle ArbeitnehmerInnen unabhängig von ihrer Herkunft: Auf dem österreichischen Arbeitsmarkt ist Dequalifizierung ein verbreitetes Phänomen. Schon unter ÖsterreicherInnen gibt es Unterschiede, denn Frauen sind davon stärker betroffen als Männer. Noch stärker betroffen sind jedoch MigrantInnen.

cover1Dazu ein paar Zahlen: Nur neun Prozent der MigrantInnen mit mittlerer Ausbildung üben auch einen Beruf aus, der dieser Qualifikation entspricht. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung trifft dies auf 27 Prozent der ArbeitnehmerInnen zu. In der kleinen Gruppe von Personen, die mit h.herer Qualifikation in Hilfs- und Anlernt.tigkeiten besch.ftigt sind, liegt der MigrantInnenanteil bei 50 Prozent. In welcher Gruppe auch immer EinwanderInnen am Arbeitsmarkt überdurchschnittlich vertreten sind: „Es ist keine einzige vorteilhafte Arbeitsmarktposition enthalten“, resümiert G.chter. Besonders trifft dieser Befund auf MigrantInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei zu, aber auch auf afrikanische Zuwanderer und Zuwanderinnen. Die Zahlen stammen zwar aus dem Jahr 2008, doch eine Studie aus dem Jahr 2015 zeichnet für den Wiener Arbeitsmarkt ein ähnliches Bild.

Spirale nach unten

Erneut haben Frauen schlechtere Karten. Bei ihnen spielt die Herausforderung eine gro.e Rolle, die Kinderbetreuung zu organisieren, berichtet die Kärntner Forscherin Ratkovic. Auch alle von ihr befragten Frauen haben unqualifizierte Tätigkeiten ausgeübt, obwohl einige von ihnen in ihrem Heimatland eine Ausbildung absolviert haben. Sie ergänzt: „Wenn sie Kinder bekommen oder ihre Kinder nachholen, erleben sie einen noch weiteren Abstieg.“

Und die zweite Generation? Sie haben es schon leichter als ihre Eltern. Wenn sie eine mittlere Ausbildung absolviert haben, haben sie ähnlich gute Chancen wie „Einheimische“, einen Job zu finden, der ihrer Ausbildung entspricht. Und doch haben auch sie es auf allen Bildungsstufen schwerer als die „österreichischen“ KollegInnen. Bedenklich stimmt etwa, dass die Arbeitslosen die einzige Kategorie am Arbeitsmarkt sind, in der die zweite Generation überrepräsentiert ist.

Es mag geradezu fahrlässig erscheinen, dass Unternehmen bestimmte Arbeitskräfte entweder gar nicht als potenzielle Arbeitskräfte in Betracht ziehen oder aber ihre Potenziale nicht ausschöpfen – und zwar einzig aufgrund von Vorurteilen. Dies ist nicht nur aus unternehmerischer Perspektive problematisch. Gächter hat ausgerechnet, dass den Kommunen ganze 1,3 Milliarden Euro pro Jahr an Steuermitteln entgehen, weil MigrantInnen nicht entsprechend ihren Qualifikationen, sondern in Hilfstätigkeiten beschäftigt sind. Die MigrantInnen selbst könnten eine Milliarde Euro mehr verdienen – und würden nebenbei bemerkt auch mehr Steuern und Abgaben zum Budget beitragen.

Bewusstseinsarbeit nötig

Was ließe sich also tun, damit MigrantInnen, ob erster oder zweiter Generation, bessere Chancen am Arbeitsmarkt haben? In Österreich müsse man sich viel intensiver mit Diskriminierungen auseinandersetzen, so Gächter. Es gebe einfach zu wenig Bewusstsein dafür, auch bei Arbeitgebern. Diskriminierung sei hierzulande geradezu ein Reizwort. Zwar sei die Rechtslage recht gut, was die nachträgliche Sanktionierung von Diskriminierungen betrifft. Aber „diese reagiert auf einen Unfall, nachdem er geschehen ist“, kritisiert der Soziologe. „Zur Vorbeugung haben wir nichts Kontinuierliches.“ Am effektivsten wären deutlich höhere Strafen im Falle von Diskriminierungen. Diese aber hält Gächter für noch schwerer durchsetzbar als Maßnahmen, die zu einem besseren Bewusstsein dafür beitragen, was Gleichbehandlung der ArbeitnehmerInnen bedeutet.

AK-Experte Gernot Mitter spricht ein weiteres Problem an: „Durch die Höhe und Dauer des Arbeitslosengeldes stehen Arbeitssuchende unter hohem Druck, möglichst schnell wieder eine Arbeit anzunehmen“ – auch um den Preis einer Dequalifizierung. Entspannung ist nicht in Sicht, die aktuelle Diskussion zielt sogar auf weitere Verschärfungen ab. Schlechte Vorzeichen also für eine bessere Integration von MigrantInnen am Arbeitsmarkt.


 

Integration – Ein Begriff mit großer Projektionsfläche.

Er ist wohl einer der Begriffe, die in der innenpolitischen Debatte mit Worten wie Notstand oder Briefwahl um den ersten Platz rittern: Integration. Doch so oft er auch verwendet wird, so unklar bleibt meistens, was denn die jeweilige Person, die das Wort in den Mund nimmt, nun eigentlich genau darunter versteht. Der deutsche Wissenschafter Mark Terkessidis hält fest, dass natürlich bestimmte Vorstellungen damit transportiert werden: „Tatsächlich trägt der Begriff immer noch schwer am Erbe des Provisoriums. Denn noch heute werden die Personen mit Migrationshintergrund als eine Sondergruppe der Gesellschaft betrachtet, die an die herrschenden Standards herangeführt werden muss.“

Welche Standards da denn nun dazugehören, wird von den verschiedenen innenpolitischen AkteurInnen denn auch unterschiedlich interpretiert. Die einen meinen, dass es reichen muss, wenn MigrantInnen sich im öffentlichen Raum inklusive Arbeitsplatz an die allgemeinen Regeln halten, während das, was innerhalb ihrer vier Wände passiert, die Allgemeinheit nur dann etwas angeht, wenn etwas strafrechtlich Relevantes geschieht. Andere wiederum haben ganze Kataloge an Werten und Prinzipien, Gleichbehandlung der Frauen rangiert hier meist an vorderster Stelle, gefolgt von Menschenrechten, Rechtsstaat, Trennung von Kirche und Staat oder gar völliger Säkularisierung. Soweit zwei Pole in der Debatte.

Was in diesen Haltungen enthalten ist, ist eine Zweiteilung der Gesellschaft, wie sie von vielen ExpertInnen kritisiert wird: Es wird ein homogenes „Wir“ der Aufnahmegesellschaft konstruiert, dem eine ebenso konstruierte homogene Gruppe der „anderen“ gegenübersteht. Die „anderen“ seien in dieser Logik dazu aufgerufen, sich dem „Wir“ anzupassen. Abgesehen davon, dass beide Gruppen bei Weitem nicht so homogen sind, wie diese Vorstellungen suggerieren: In dieser Zweiteilung ist eine Hierarchie enthalten, Konflikte sind vorprogrammiert, wenn die „anderen“ sich dem „Wir“ dann doch nicht beugen wollen.

Eine alternative Sichtweise lautet, dass Integration ein vielfältiger Prozess ist, den sehr unterschiedliche AkteurInnen auf Augenhöhe miteinander ausverhandeln. Die Literatur zum Thema ist inzwischen geradezu unübersichtlich. Spannende Einblicke gewähren diese Werke:
Andreas Weigl „Migration und Integration“
Mark Terkessidis „Interkultur“
Hilal Sezgin (Hg.) „Manifest der Vielen“.

Reportage:

Veröffentlicht am 7. Oktober 2016 | Kein Kommentar

Aufgrund eines technischen Problems ist die Reportage der A&W derzeit nicht auf der Homepage verfügbar. Deshalb:

Reportage als pdf

Demokratie: Nur eine Episode des heiteren Bezirksgerichts?

Veröffentlicht am 22. Juni 2016 | Kein Kommentar

Unglaublich eigentlich: da witterte die FPÖ schon vor der Stichwahl vorsorglich Manipulationen – und dann halten es ihre eigenen WahlbeisitzerInnen offenbar nicht für nötig, bei der Auszählung der Stimmen dabei zu sein? Welch Offenbarungseid, den die Freiheitlichen hier vor den Augen der Öffentlichkeit geleistet haben. 
Denn wie ernst meint es eine Partei mit sich selbst und ihrer eigenen Politik, wenn ihre VertreterInnen geradezu immer und überall und vor allem in diesem Fall Skandal schreien, während ihre eigenen Leute nicht einmal da mitwirken, wo es sogar in ihrem ureigensten Interesse wäre, um den Skandal zu untermauern.

Zugleich zeigt die Wahlanfechtung leider auf, welche Defizite es im Demokratiebewusstsein in Österreich gibt. Juristen machen schon alles richtig, ich wusste nicht, hab nicht gefragt, keine Zeit gehabt, nicht gelesen, was ich unterschrieben habe: ein mündiger Staatsbürger, eine mündige Staatsbürgerin spricht so nicht. Fast scheint es, als sei gar nicht mehr klar, welch ernstes und wichtiges Ereignis eine solche Wahl ist. Dass Demokratie auch von den BürgerInnen ein Engagement verlangt, vielleicht sind die Wahlen sogar das minimalste, das sie von ihnen verlangt, wenn sie sich darüber hinaus nicht engagieren möchten oder können. 
Dieses Engagement gilt es zugleich mit großer Ernsthaftigkeit auszuüben. Allerdings untergräbt gerade die FPÖ genau diese Ernsthaftigkeit – allen Forderungen nach mehr direkter Demokratie zum Trotz – seit vielen Jahren. Es erscheint fast wie ein Treppenwitz, dass ihr genau dies nun auf den Kopf zu fallen scheint. 
Dennoch muss man ihnen ja wirklich fast dankbar sein, dass sie diese Anfechtung gemacht haben. Wir müssen ganz offensichtlich mehr über Demokratie reden, was sie bedeutet, was sie ihren BürgerInnen abverlangt und vor allem ermöglicht. Und wir müssen darüber reden, was Eigenverantwortung bedeutet. Denn die Demokratie ist eine zu wichtige Errungenschaft, um sie zur Episode des heiteren Bezirksgerichts werden zu lassen.

Mathilde Greil * 8.12.1920 + 1.6.2016

Veröffentlicht am 1. Juni 2016 | 1 Kommentar

imageMeine heißgeliebte Oma ist heute morgen für immer eingeschlafen. Ich bin zutiefst dankbar für die uneingeschränkte und intensive Liebe, die sie mir geschenkt hat. Liebe: Das ist das Wort, das ich mit ihr auf vielen Ebenen verbinde. Ihre Liebe zu Menschen und ganz besonders zu Kindern zog viele an, von der Familie angefangen bis hin zu den Gästen, die sie in ihrer Pension über viele Jahre empfangen hat. Bis heute haben sie immer wieder alte Stammgäste oder sogar deren Kinder besucht. Mit Liebe pflegte sie ihren Garten, der uns alle jedes Jahr aufs Neue mit Schönheiten beschenkt hat. Diese Liebe lebt in uns weiter.

Sie war auch eine starke Frau. Sie hat ihre Pension in harter Arbeit aufgebaut und allen Ängsten und Zweifeln zum Trotz über Jahre lang erfolgreich geführt. Ich ziehe immer noch meinen Hut vor der Bauerstochter, die gerade mal die Volksschule besucht hat und sich als Selbständige durchgeschlagen hat. Welche Rolle mein Großvater konkret gespielt hat, will ich nicht beurteilen, denn leider habe ich ihn nur ein paar Jahre miterlebt. Immerhin, denn was in den Erzählungen über ihn mitschwingt, kann ich ebenfalls in einem Wort zusammenfassen: Liebe. “Wenn du wüsstest, wie lieb ich dich hab”, soll er zu ihr gesagt haben. Ich kann dazu nur sagen: wenn sie nur wüssten, wie glücklich mich allein dieser Gedanke macht.

Als ihre Tochter, meine Mutter, nach Klagenfurt in die Schule ging, lernte sie die neue Schrift, um ihr Briefe schreiben zu können. Auch mir hat sie viele Briefe geschrieben, denn leider war auch ich oft weit weg. In einem konnte ich mir aber immer sicher sein: die Oma denkt an mich und wünscht mir nur das Beste.

Leider konnte ich ihr keine UrenkelInnen schenken, die sie sicher ebenfalls mit viel Liebe beschenkt hätte. Jetzt ist sie für immer von uns gegangen. Es ist aber nur ein körperlicher Abschied, denn in meinem Herzen lebt sie, lebt ihre große Liebe weiter – und ich hoffe, dass ich sie noch vielen anderen Menschen weitergeben kann.

omasonja1aMeeeiiine Ooooma, ich danke Dir für alles! Ich schätze mich sehr glücklich, dass Du so lange in meinem Leben warst. Ich werde Deinen sonntäglichen Anruf sehr vermissen, so kurz er auch war. Aber Du bist ja nicht weg, sondern weiterhin immer bei mir, auch wenn Du nun weit weg bist und wir uns nicht mehr fest in Armen halten können.

 

Der gefährliche Brunnenmarkt

Veröffentlicht am 28. Januar 2016 | Kein Kommentar

“Pass auf auf Dich!” oder “Bist Du mutig!” Worte wie diese gaben sie mir mit auf den Weg. Nein, es ging nicht um eine Reise in ein Kriegsgebiet. Vielmehr hatten eine Arbeitskollegin und ich uns verabredet, uns das Match Kroatien-Türkei im Brunnenmarktviertel anzusehen. Es war 2008 und Österreich war eines von zwei Austragungsorten der Fußball-EM. Als wir uns trafen, rätselten wir beide gemeinsam, was denn nun auf einmal los ist, denn auch in ihrem Umfeld sorgte man sich um ihre Sicherheit. “Na ja, wir sind ja mit dem Rad unterwegs, zur Not radeln wir halt schnell wieder weg”, scherzten wir.

An dieses Erlebnis musste ich zurückdenken, als ich diesen Beitrag über Molenbeek las. Auch bei der von mir erzählten Anekdote war die Aufregung völlig übertrieben. Das Match sahen wir uns in einer Seitengasse des Brunnenmarktes an, wo es jemand an die Mauer eines Hauses beamte, in der Pause gönnten wir uns eine leckere Pljeskavica und am Ende genossen wir den Autokorso am Gürtel, bei dem wir sogar einen Kroatien-Fan auf einem der türkisch beflaggten Autos ausmachen konnten. Fair enough, es geb sehr wohl Berichte über Auseinandersetzungen ein wenig weiter draußen in der Ottakringer Straße. Wir bekamen dies allerdings erst über die Medien mit.

Wir taten also gut daran, uns auf unsere eigene Einschätzung zu verlassen und uns nicht von der allgemeinen Hysterie beeindrucken zu lassen. Nun weiß ich nicht, ob man die beiden Viertel eins zu eins miteinander vergleichen kann, denn ich war noch nie in Molenbeek. Am Brunnenmarkt jedenfalls hatte schon damals Boboland Einzug gehalten. Umso spannender aber ist es, wie schnell ein Viertel sogar von Menschen, die in der Nähe leben, auf einmal als gefährlicher Brennpunkt wahrgenommen werden kann.

Vor diesem Hintergrund erscheint es umso weniger erstaunlich, dass es für rasch angereiste KorrespondentInnen schwierig ist, sich ein ausgewogenes Bild zu machen. Auch hier poppt in mir eine Erinnerung auf: Im Jahr 2004 war ich auf Zypern, um über das Referendum über die Wiedervereinigung der beiden Inselteile zu berichten. Ich war im Jahr davor schon einmal auf der Insel gewesen und hatte in Nikosia per Zufall einen türkischen Zyprioten kennengelernt. Er führte mich durch den türkischen Teil der Hauptstadt, übersetzte für mich und gewährte mir so spannende Einblicke in das Denken “auf der anderen Seite” – ich hatte vorher hauptsächlich mit griechischen ZypriotInnen Kontakt.

Als ich nun im Jahr 2004 alleine durch den Nordteil spazierte, fühlte ich mich unwohl. Die bewaffneten Soldaten in der Stadt schüchterten mich ein, ich konnte mit fast niemandem sprechen, denn kaum jemand, den ich ansprach, konnte Englisch. Ich verbrachte dennoch eine zeitlang dort, war aber unglaublich erleichtert, als ich die Grenze wieder überschritten hatte und im griechischen Teil war.

Heute denke ich, dass ich an dem Tag vielleicht auch nur müde war, weshalb ich empfindlicher war und manches bedrohlicher wahrnahm als nötig. Jedenfalls traf ich an einem anderen Tag meinen türkisch-zypriotischen Freund wieder. Dieses Mal nahm er mich mit in seine Heimatstadt an der Küste und ich verbrachte einen wunderbaren Abend mit seiner Familie. An einem anderen Tag stellte er mir Freunde vor, die mir wiederum vielfältige Einblicke gewährten.

Ich erinnere mich noch, wie überfordert ich mich zum Teil fühlte, immerhin galt es nicht nur die beiden Seiten zu verstehen, also die griechische und die türkische, sondern auch deren vielfältige Lebens- und Gedankenwelten. Und ich weiß noch, wie fremd ich mich fühlte, wenn ich mit anderen KorrespondentInnen sprach, von denen manche sehr eindeutige Meinungen vertraten – während sich mir immer mehr Fragen stellten. Nun will ich keinesfalls sagen, dass die KollegInnen allesamt undifferenziert waren, ganz im Gegenteil. Manche waren es gewohnt, über große Ereignisse von Orten zu berichten, die sie bis dahin noch nicht kannten. Manche mussten als Radioreporter kontinuierlich etwas liefern, so dass sie nicht einen ganzen Tag einfach zum Recherchieren aufwenden konnten. Und auch ich habe nur einen sehr kleinen Ausschnitt kennengelernt.

Wenn ich an all das zurückdenke und mir die Geschwindigkeit vor Augen halte, in der heutzutage Nachrichten aufpoppen und wieder verschwinden, wundert es mich nicht, dass so manche Berichte noch oberflächlicher werden. Eigentlich hätte ich mir schon damals  gewünscht, noch mehr Zeit zu haben, um mir ein noch besseres Bild machen zu können. Heute scheint mir, dass man fast schon froh sein muss, wenn JournalistInnen überhaupt noch vor Ort geschickt werden. Dabei würde die große Beschleunigung, die nicht zuletzt durch die sozialen Medien stattgefunden hat, deutlich gründlicherer Recherchen bedürfen, deutlich mehr Innehalten und sickern lassen. Von daher kann ich mich der Analyse von Christine Moderbacher nur anschließen.

Link

Molenbeek? Hereinspaziert! Plädoyer für eine differenziertere und tiefgehende Berichterstattung anlässlich der Schlagzeilen über den Brüsseler Stadtteil Molenbeek. 

Pariser Ausnahmenormalität

Veröffentlicht am 11. Dezember 2015 | 1 Kommentar

10Es geht einfach nicht anders, ich muss der Frau meine Hand auf die Schulter legen. Tränen strömen ihr über die Wangen, sie bleibt stehen und stützt sich auf ihrem Gehstock ab. „Was sollen wir nur tun?“, stellt sie eine jener Fragen, auf die man nicht nur in Frankreich versucht, eine Antwort zu finden.

Kopfschüttelnd steht sie neben dem Blumen- und Kerzenmeer, das sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bataclan immer weiter auszubreiten scheint. „Ich weiß auch nicht“, gestehe ich ihr, denn auch ich fühle mich einfach nur ratlos. „Darüber reden, sich trösten und auch weinen“, sind die einzigen Gedanken, die ich in Worte zu fassen in der Lage bin. „Wie kann man angesichts dessen nicht weinen?“, erwidert die ältere Frau. Ich kann ihr nur zustimmen.

5Die Anschläge sind zu diesem Zeitpunkt fast zwei Wochen her. Anlass meiner Paris-Reise war ursprünglich eine berufliche Besprechung. Seit den Anschlägen wollte ich umso mehr hinfahren. Um meine FreundInnen zu besuchen. Und weil ich mir selbst ein Bild machen wollte, selbst versuchen wollte zu begreifen, was so unbegreifbar scheint. Und doch wird es um keinen Deut begreifbarer, wo ich nun an eine der Gedenkstätten der Anschläge vom 13. November stehe.

Es ist eine spezielle Stimmung, die an jenen Orten herrscht, an denen der Opfer vom 13. November gedacht wird. Direkt vor dem Bataclan und gegenüber, in der Mitte des boulevard Richard Lenoir, herrscht eine Ruhe, wie man sie von Friedhöfen kennt – während der Verkehr rundherum in seiner gewohnten Lautstärke vorbeifließt. An diesem Tag ist das Wetter freundlich, weshalb viele Menschen sich hierher begeben haben. So zumindest interpretiert es eine Mitarbeiterin im nahe gelegenen Supermarkt.

2Die BesucherInnen studieren die vielen Texte, die dort hängen, verfasst von Angehörigen und FreundInnen der Opfer, von Fremden oder Schulklassen. So wie sie gehe ich langsam den Gehsteig entlang, lasse alles auf mich wirken, halte an vor Blumengestecken und Solidaritätsbekundungen aus allen möglichen Ecken der Welt. Viele legen Blumen nieder, zünden mitgebrachte Kerzen an oder bringen inzwischen erloschene wieder zum Brennen. Sie trauern, gedenken oder würdigen die Opfer.

Die meisten BesucherInnen scheinen in sich und ihre Gedanken versunken zu sein. Andere trösten sich gegenseitig oder diskutieren. Viele machen Fotos, von der Gedenkstätte oder auch vom Bataclan selbst, an dessen Eingang immer noch die Ankündigung für das Konzert des besagten Abends hängt. So auch ich. Auf einmal wird die Stille abrupt unterbrochen, aus einem der vorübergehenden PassantInnen platzt unvermittelt der Kragen: „Yes, take pictures of horror, you stupid assholes“, schimpft er und geht wutentbrannt weiter. Autsch, da ist es, das schlechte Gewissen. Denn was tue ich da eigentlich? Keine meiner Freundinnen, keiner meiner Freunde wurde – zum Glück – direkt getroffen. In Paris lebe ich gerade auch nicht. Und doch bin ich zutiefst betroffen von diesen unfassbaren Gewaltakten.

27Als ich vor dem Bataclan stehe, wird mir auf einmal bewusst, dass dieser Ort näher an meiner damaligen Wohnung liegt, als ich es nach bald 15 Jahren in Erinnerung hatte. Ein paar Schritte weiter liegt die Post, in der ich damals vor meiner Rückkehr nach Wien meine letzten Sachen aufgegeben habe. Ein paar hundert Meter in die andere Richtung liegt die Busstation, bei der ich so oft gestanden habe. Gleich davor ist der Boulevard, den ich mit Freunden gemeinsam so ausgelassen entlang gerollert bin oder wo ich an Markttagen so oft eingekauft habe.

Trotzdem lässt mich eine Frage nicht mehr los: Ist es wirklich so übertrieben, wie ich mich fühle, wie manche meinen: Sehr nachdenklich, ein wenig schockiert und unendlich traurig? In meinem Kopf hallt ein vorwurfsvoller Satz wieder: „Dass sich alle von Paris so schockiert zeigen, ist rassistisch. Wenn im Nahen Osten oder in Afrika Anschläge verübt werden, kratzt das niemanden.“ Hier, vor Ort, in Paris, scheint mir all das weit weg.

Nun habe ich in der Tat eine sehr enge Beziehung zu dieser Stadt und zu manchen ihrer BewohnerInnen. Nur bei allen Unterschieden ist Paris doch eine Stadt wie so viele andere in Europa, in der man vielleicht schon einmal war oder die man noch besichtigen möchte. Das lässt die Vorstellung realer werden, dass man vielleicht sogar selbst auf einer dieser Terrassen sitzen hätte können. Dass es solche Terrassen an vielen anderen Orten dieser Welt genauso gibt, ist wahr. Dass das nur wenige so wahrnehmen, ist in der Tat auf eine gleichsam ethnozentrische wie auf negative Nachrichten ausgerichtete Berichterstattung zurückzuführen, die auch aus Paris auf einmal ein unglaublich gefährliches Pflaster gemacht hat.

15Nun, da ich die vielen Solidaritätsbekundungen aus aller Welt sehe, bei der Gedenkstätte vor dem Bataclan sowie rund um die Statue an der place de la République, zu der ich in Gedanken versunken weiter spaziere, wirkt dieser Vorwurf wie eine Stimme aus einer anderen Welt. Und auf einmal wird mir sonnenklar, was mich an diesen Vorwürfen so stört: Dass sie weniger Empathie mit den Pariser Opfern verlangen, weil sie gegenüber Opfern in anderen Gegenden der Welt nicht ausreichend gezeigt wird. Es ist die Abgebrühtheit dieser Aussage, die mich so sehr mitnimmt.

Dazu kommt, dass hier, vor Ort, vieles anders wirkt. Ich kann sie kaum noch aufzählen, die Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Welt, ob aus der Kabylei, Kurdistan, Syrien (etwa aus Kobane), Mali (Bamako) oder auch von der koreanischen Pariser Community, um nur einige Beispiele zu nennen. „Es war einfach unglaublich, von wo überall auf der Welt ich Solidaritätsbekundungen bekommen habe“, wird mir später ein Freund erzählen. Ich sehe aber auch viele Solidaritätsbekundungen von Frankreich in die Welt hinaus.

25Auch werden er und andere FreundInnen mir erzählen, wie sie den Abend verbracht haben und wie sie selbst mit dem Erlebten umgehen. Manche scheinen erstaunlich gelassen zu reagieren, ganz nach dem kurz nach den Anschlägen ausgegebenen Motto: „Même pas peur“, „Nicht einmal Angst“. Eine Freundin wiederum stört sich genau an dieser Aussage: „Was soll das heißen? Es ist doch ganz normal, dass so etwas Angst macht“, ärgert sie sich.

Manche meiden die Öffis oder Orte mit vielen Menschen, andere leben weiter wie bisher – zumindest oberflächlich betrachtet. Trotz des Ausnahmezustands wirkt die Stadt sehr normal, dass sie es doch nicht ist, wird mir bewusst, als ich in der Gegend von Les Halles eine Militär-Patrouille in eine Weggehgegend einbiegen sehe. Ansonsten bleibt bei mir allem ein Eindruck hängen: Es ist so wie immer und doch irgendetwas völlig anders.

______

Rathaus des 11. Arrondissements mit dem Pariser Wahlspruch “Fluctuat nec mergitur”, im 11e liegt unter anderem der Bataclan:

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Boulevard Richard Lenoir gegenüber des Bataclan:

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4  6

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Das Gebäude im Hintergrund links ist der Bataclan:

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Place de la République: 19

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