Endlich wieder Enthusiasmus und Abenteuergeist im Journalismus – und das gleich um die Ecke

Veröffentlicht am 20. Juni 2014 | Kein Kommentar

20140623-141843-51523473.jpgSilicon Valley: An diesen Ort schauen viele gebannt und voller Hoffnung, dass dort neue Konzepte für die Zukunft der Medien erfunden werden, die man dann importieren kann. Seit dem Reporter-Forum vergangene Woche scheint mir, dass man gar nicht so weit in die Ferne blicken muss. „Ich finde es ganz toll, gerade jetzt freie Journalistin zu sein“, sagte eine Kollegin beim morgentlichen Kaffee zu mir. Sie arbeitet wie so viele andere in einem Co-Working-Space in Hamburg. „Da arbeiten ganz verschiedene Kreative und es ist ein richtiger Gründegeist zu spüren“, schwärmte sie.

„UnternehmerIn sein scheint gerade in zu sein“, meinte ich bei einem Workshop schmunzelnd zu meiner Kollegin Susanne Wolf. Crowdfunding macht´s möglich. Neben den Krautreportern präsentierten auch die Macher von Substanz ihr Projekt und berichteten von ihren neuen Erfahrungen in Sachen Selbständigkeit. „Auf einmal findest du dich wieder, während du kalte Akquise machst und wildfremden Leuten erklärst: Sie kennen mich zwar nicht, aber darf ich Ihnen von unserem neuen Produkt erzählen?“, berichtete Georg Dahm. Ein wenig kleinlaut ergänzte er, früher über die Werbefuzzis geschimpft und auf sie herabgesehen zu haben. „Auf einmal musst du all das selbst tun.“

Bei all den neuen Experimenten haben die MacherInnen allesamt eins gemeinsam: Den tiefen Wunsch, wieder echten Journalismus machen zu können und sich aus den Sparzwängen mit den damit verbundenen Einschränkungen als JournalistIn zu befreien. Es sind in der Tat spannende Modelle, die hier allerorten aus dem Boden zu sprießen scheinen. Die einen machen ihren Start von der Anzahl der gesammelten Abos abhängig wie eben die Krautreporter. Andere wiederum machen sich auf Reisen und hoffen ihre LeserInnen mit der vorgeschossenen Arbeit davon zu überzeugen, Ihnen dafür auch Geld zukommen zu lassen. Prominentes Beispiel dafür ist Richard Gutjahr, aktuell ist Freischreiber-Gründer Kai Schächtele mit KollegInnen in Brasilien unterwegs.

Auch weil ich selbst davon überzeugt bin, dass man manche Projekte einfach durchziehen muss, für die traditionelle kaum mehr den Mut aufbringen, riss mich dieser GründerInnen-Geist mit.

Je länger ich diese Vorträgen vor der Kulisse des ehrwürdigen Spiegel-Gebäudes auf mich wirken ließ, desto mehr drängte sich mir ein Gedanke auf: Die großen Schlachtschiffe kämpfen gegen den Eisberg an, auf den sie schon längst aufgelaufen sind. Während dessen versuchen kleine Schinakel ihr Glück und haben vielleicht deshalb mehr Zukunftschancen, weil sie dem Eisberg einfacher umschiffen können. Konkret ausgedrückt: Die Erträge, die sie erwirtschaften müssen, sind überschaubarer. Sie müssen keine riesigen Verlage finanzieren, inklusive teuren Marketingabteilungen und entsprechend hohen Werbekosten. Sie können einfacher mit den LeserInnen interagieren.

Ich persönlich würde mir sehr wünschen, dass dieser Wandel es den/uns RedakteurInnen möglich macht, uns wieder auf unseren Job zu konzentrieren. Das reicht mir aber immer noch nicht: Ich wünsche mir, dass endlich Schluss damit ist, dass Menschen voller Enthusiasmus und kreativen Ideen dauernd einein Schuss vor den Bug bekommen. Ich wünsche mir mehr Mut der JournalistInnen, denn wnn wir dem Anspruch gerecht werden wollen, kritische Stimmen der Gesellschaft zu sein, können wir nicht darauf warten, bis uns jemand dafür Geld in die Hand drückt. Das bedeutet nicht, Leistungen herzuschenken, ganz im Gegenteil. Es bedeutet aber sehr wohl, dass man bereit ist, Risiken einzugehen.

Ja, ich schließe mich meiner deutschen Kollegin an: Ich bin froh, gerade jetzt freie Journalistin zu sein. Ich finde die Offenheit der Kleinen grandios, denn dadurch kann ich aus ihren Erfahrungen lernen und mich von ihrem Mut inspirieren lassen. Ja, mir gefällt dieser GründerInnen-Geist! Endlich werden Enthusiasmus und Abenteuergeist nicht mehr als weltfremd belächelt, sondern wieder als wichtige Qualitäten anerkannt. Und es gibt immer mehr Menschen, die sich nicht darum scheren, ob sie für verrückt gehalten werden, sondern ihr Ding durchziehen, weil sie davon überzeugt sind – mit allen Risiken, die damit einhergehen. Genau so wie ich es immer wieder getan habe und wie wir Freie es immer wieder tun. Damit bin ich auch schon bei einem weiteren wichtigen Ereignis, nämlich der Gründung der österreichischen FreischreiberInnen. Dazu aber ein anderes Mal.

PS: Heute erreichte mich die Nachricht, dass in Wuppertal junge JournalistInnen ein ambitioniertes Projekt gestartet haben, das ein Ziel verfolgt: Journalismus. Möge es ihnen gelingen und mögen noch viele ähnliche Projekte ihr Glück versuchen und damit Erfolg haben. Denn wir brauchen ihn, den guten Journalismus – und er ist möglich, daran glaube ich ganz fest.

Paris – Meidling: Wie der Zufall mich mit den Street Art-KünstlerInnen Jana&Js zusammenbrachte

Veröffentlicht am 20. Juni 2014 | Kein Kommentar

Manche Entdeckungen macht man auf Umwegen. So ging es mir mit den beiden Street Art-KünstlerInnen Jana&Js, deren Arbeiten mir zum ersten Mal in Paris aufgefallen waren. Mir gefielen ihre Motive, so wie ich überhaupt begeistert bin von der Pariser Street Art-Szene. Seit damals wollte ich die beiden kennenlernen, schon gar, als ich feststellte, dass sie inzwischen in Österreich leben.

Es sollte noch eine Weile dauern, bis es endlich so weit war. Ausgerechnet Meidling, wo ich ja vergangenes Jahr viel Zeit für das Projekt Vielfalt12 verbracht hatte, sollte uns zusammenbringen – bzw. vielmehr die Wir Sind 12er, die das Paar eingeladen hatten, eine Mauer in der Gierstergasse zu gestalten. Ich musste wirklich zwei Mal hinsehen, um es für keinen Scherz zu halten. Wie schön sie doch sind, diese Zufälle im Leben! War wirklich fein, die beiden persönlich kennenzulernen. In der Presse habe ich gleich auch einen Artikel über sie geschrieben. Et voilà:

Pariser Street-Art-Nomaden in Meidling

In der französischen Street-Art-Szene ist das Künstlerpaar Jana & Js bereits fix verankert. Jetzt gibt es in Meidling ein großes Wandbild von ihnen. (Erschienen in: Die Presse).

***

Völlig erschöpft lassen sich Jana und Js in die Stühle beim Wirten in der Meidlinger Gierstergasse fallen. „Ich bin ein bisschen seekrank“, meint Js. Kein Wunder, immerhin haben die beiden den ganzen Tag auf einem Kran um die Ecke verbracht, von dem aus sie ihr Wandbild bearbeitet haben. Stunde um Stunde nahm das Bild konkretere Formen an: Folien dienten den beiden als Schablonen, mit deren Hilfe sie zunächst die Konturen in Schwarz übertragen haben, die sie dann Schritt für Schritt mit Farbe füllten. Weiter geht´s hier.

Ein Bumerang kommt eben immer zurück…

Veröffentlicht am 26. Mai 2014 | Kein Kommentar

Vielleicht sollten sich PolitikerInnen und WahlkampfmanagerInnen in Zukunft mit einem psycholigischen Phänomen intensiver befassen: Den Bumerang-Effekt. Diesen definiert das Wirtschaftslexikon folgendermaßen: “Wirkung von Kommunikation (in erster Linie Werbewirkung), die genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie erreichen will. Die Gründe für dieses Phänomen liegen z.B. darin, dass die Aktivierung nicht zielgerichtet ist oder die Werbeaussage als unglaubwürdig empfunden wird.” Man könnte auch sagen: Warum zum Schmiedl gehen, wenn man auch zum Schmied gehen kann?

Ruft man sich die vom Boulevard fleißig begleitete Krisenpolitik der deutschen Bundesregierung in Erinnerung, nimmt es wenig Wunder, dass eine Partei wie die AfD Erfolg hat. Es ist nur logisch, dass eine chauvinistische Politik der Regierung letztlich auch in der Bevölkerung ihren Widerhall findet bzw. diesen sogar verstärkt. Das ist nur eine scheinbare Ausnahme vom Bumerang-Effekt, immerhin treibt die AfD genaus dieses Argument auf die Spitze und scheint damit glaubwürdiger.  So erstaunt es wenig, dass laut Umfragen 91 Prozent der AfD-WählerInnen diese Partei mit folgender Begründung gewählt haben: “Achtet darauf, dass deutsche Interessen nicht zu kurz kommen”. Dass für die WählerInnen von CDU und SPD dieses Argument ebenfalls ausschlaggebend war, bestätigt nur dies – und führt zu einem traurigen Schluss: Statt um die europäische Idee ging es bei dieser europäischen Wahl um nationale Interessen. Und das in Zeiten der Krise…!

Ein anderes Beispiel für den Bumerang-Effekt ist Frankreich: Als der Front National bei den Kommunalwahlen triumphierte, machte Francois Hollande seinen bisherigen Innenminister Manuel Valls zum Premierminister. Der frühere Wahlkampfmanager des Präsidenten ist ein Politiker, der keinen Hehl daraus macht, dass er in Sachen Sicherheit und Migration am rechten Rand des linken Spektrums zu Hause ist.

Schon bei seiner Ernennung als Innenminister machte Valls mit markigen Sprüchen gegenüber Roma auf sich aufmerksam. Zynischerweise erklärte er damals, dass Integration auch eine Frage des sozialen Erfolgs sei. Dass dieser den Roma in den europäischen Gesellschaften eben weitgehend verunmöglicht wird, ist eine Reflexion, die man man von einem sozialistischen Politiker eigentlich erwarten könnte. Doch auf diesem Auge ist er leider blind, vielmehr schielt er mit dem anderen in Richtung Front National – genauso wie es auch Nicolas Sarkozy und seine Nachfolger taten und tun. Leider kann es nur wenig erstaunen, dass auf diese Art und Weise auch der Diskurs des Front National in der Gesellschaft immer akzeptierter wird.

So ignorieren auch in anderen europäischen Ländern PolitikerInnen und deren StrategInnen etwas, das auch ihre österreichischen KollegInnen seit Jahren bzw. inzwischen Jahrzenten ignorieren:  Genauso konsequent, wie KommentatorInnen darauf hinwiesen, dass das Schmied und Schmiedl-Argument für den Wahlerfolg der FPÖ Ausschlag gebend ist, wird genau diese Reflexion konsequent von PolitikerInnen und deren StrategInnen in Österreich ignoriert.

Wie ein französischer Freund von mir richtig bemerkte: Es reicht nicht, Wahlniederlagen bei gleichzeitigem Erfolg der rechten und extremen Rechten damit zu begründen, dass man die eigene Politik nicht gut genug kommuniziert habe, noch nicht genug Zeit gehabt habe, damit die WählerInnen die positiven Effekte dieser Politik erkennennen würden, dass einfach zu wenig WählerInnen wählen waren, usw usf. Denn die Wurzel liegt tiefer – so lange es sich nicht herumspricht, wird der Bumerang immer wieder zurückkommen.

Le Monde hat dazu eine spannende Analyse geschrieben: “Peut-on relativiser le score du Front National?”

Sparen für Urlaub und Gesellschaft

Veröffentlicht am 22. Mai 2014 | Kein Kommentar

Sparvereine und die Anfänge der Arbeiterbewegung sind eng miteinander verbunden. Mancherorts hält sich die Tradition bis heute. (Erschienen in: Arbeit&Wirtschaft)

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Sie heißen „Gut sa ma“, „Gemütlichkeit“ oder „Tischgesellschaft einig und fröhlich“. Oder sie nennen sich nach dem Lokal, in dem sie sich treffen. Eindeutigere Rückschlüsse auf ihren Zweck lassen Namen wie „Zum letzten Groschen“, „Sparstriezl“ oder „Zum knausrigen Sparer“ zu. Sehr beliebt sind Namen von als fleißig geltenden Tieren wie Biene oder Ameise in verschiedensten Varianten. Ebenfalls populär sind Namen rund um Weihnachten, wo viele Sparvereine die Erträge auszahlen, andere wiederum tragen in ihrem Namen einen anderen beliebten Zweck, für den neben Geschenken traditionell gespart wurde, nämlich den Urlaub.

Sparen in der Albertgasse

Auch heute noch gibt es eine Reihe von Sparvereinen, zum Beispiel in Sektionen des Österreichischen Pensionistenverbands. Einer davon ist in der Wiener Josefstadt beheimatet. Er befindet sich im Kellerlokal der SPÖ-Bezirksorganisation in der Albertgasse, jeden Dienstag können SparerInnen von 15 bis 16 Uhr ihr Erspartes dorthin bringen. Weiterlesen

Sexarbeiterin: “Die freie Zeiteinteilung ist ideal”

Veröffentlicht am 22. Mai 2014 | Kein Kommentar

In Wien sprachen Sexarbeiterinnen und NGO-VertreterInnen aus Deutschland, Frankreich und Finnland über Sexarbeit und die Folgen von staatlicher Verdrängungspolitik. (Erschienen in: dieStandard.at).

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Es nimmt wenig Wunder, dass eine in die Ecke gedrängte Gruppe ihren GegnerInnen ebenfalls mit Polemik antwortet. So zumindest lassen sich so manche Spitzen einordnen, die Manuela Schwartz in ihren Vortrag über Sexarbeit in Deutschland eingebaut hatte, den sie vergangene Woche in der IG Architektur in Wien hielt.

Dass Alice Schwarzer ein beliebtes Ziel dieser Spitzen war, liegt angesichts der Anti-Prostitutions-Kampagne der deutschen Feministin auf der Hand. Allerdings gab Schwartz auch gar nicht vor, eine objektive Sicht der Dinge darzustellen: “Ich werde versuchen rüberzubringen, wie die Debatten auf uns Sexarbeiterinnen wirken”, erklärte das Gründungsmitglied des “Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen”. Das von der Migrantinnenorganisation Lefö veranstaltete Seminar zum Thema “Sexarbeit in Europa” schloss somit eine große Lücke in der öffentlichen Debatte: Sexarbeiterinnen selbst zu Wort kommen zu lassen.

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Prostitutionspolitik in Wien: Gut gemeint statt gut gemacht?

Veröffentlicht am 12. Mai 2014 | Kein Kommentar

Eine aktuelle Studie hat Motive und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen in Österreich erforscht – und räumt mit manchem Klischee auf. (Erschienen in: dieStandard.at)

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Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht: Daran fühlt sich erinnert, wer die Erzählungen der Sozialwissenschaftlerin Helga Amesberger über die Effekte politischer Maßnahmen zur Sexarbeit in Wien hört. Amesberger, Mitarbeiterin des Wiener Instituts für Konfliktforschung, hat die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen in Wien und Linz untersucht. Das Ergebnis: Während es Ziel der Politik war, die Arbeitsbedingungen der in diesem Bereich tätigen Menschen zu verbessern, wurde mit mancher Maßnahme das genaue Gegenteil erreicht.

Ein Beispiel: In Wien ist Straßenprostitution nur mehr in Außenbezirken erlaubt – doch genau dort gibt es keine Infrastruktur für Sexarbeiterinnen. “Wenn Sexarbeit an den Stadtrand gedrängt wird, wo es keine Stundenhotels gibt, keine Möglichkeiten für die Frauen, sich aufzuwärmen oder gegebenenfalls Schutz zu suchen, dann steigt das Potenzial für Gewalt”, sagt Amesberger. Denn: “Wenn ich in das Auto des Kunden steige und irgendwohin fahren muss, bin ich dem ausgeliefert.” Weiterlesen

Schokolade aus der Wiener Vorstadt

Veröffentlicht am 7. April 2014 | Kein Kommentar

Alois Niederle gründete in den 1950er-Jahren die Manufaktur Jonny Schokoladen. Anfangs produzierte er Rumpastillen in seiner Wohnung und verkaufte diese per Bauchladen. Heute leiten seine Tochter Eveline Dürnberger und ihr Ehemann Anton die kleine Manufaktur in Meidling. (Erschienen in: Die Presse am Sonntag).

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Man muss es schon wissen. Sonst würde man an dem unscheinbaren Gebäude in der Tivoligasse 24 in Wien Meidling einfach vorbeigehen. Selbst wenn man vor dem Haus steht, könnte man noch eine Wohnung hinter den Fenstern mit den zurückgerafften Vorhängen und der Blume auf dem Fensterbrett vermuten. Sieht man jedoch genauer hin, entdeckt man in einem Fenster ein weißes A4-Blatt mit einer Produktliste, und spätestens dann wird klar: Man steht tatsächlich vor der Manufaktur von Jonny Schokoladen. Betritt man die Räume, riecht man schon die Schokolade, mit der Eveline und Anton Dürnberger Rum, Früchte und Nüsse überziehen.

Zum ganzen Artikel geht´s hier.

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