Demokratie: Nur eine Episode des heiteren Bezirksgerichts?

Veröffentlicht am 22. Juni 2016 | Kein Kommentar

Unglaublich eigentlich: da witterte die FPÖ schon vor der Stichwahl vorsorglich Manipulationen – und dann halten es ihre eigenen WahlbeisitzerInnen offenbar nicht für nötig, bei der Auszählung der Stimmen dabei zu sein? Welch Offenbarungseid, den die Freiheitlichen hier vor den Augen der Öffentlichkeit geleistet haben. 
Denn wie ernst meint es eine Partei mit sich selbst und ihrer eigenen Politik, wenn ihre VertreterInnen geradezu immer und überall und vor allem in diesem Fall Skandal schreien, während ihre eigenen Leute nicht einmal da mitwirken, wo es sogar in ihrem ureigensten Interesse wäre, um den Skandal zu untermauern.

Zugleich zeigt die Wahlanfechtung leider auf, welche Defizite es im Demokratiebewusstsein in Österreich gibt. Juristen machen schon alles richtig, ich wusste nicht, hab nicht gefragt, keine Zeit gehabt, nicht gelesen, was ich unterschrieben habe: ein mündiger Staatsbürger, eine mündige Staatsbürgerin spricht so nicht. Fast scheint es, als sei gar nicht mehr klar, welch ernstes und wichtiges Ereignis eine solche Wahl ist. Dass Demokratie auch von den BürgerInnen ein Engagement verlangt, vielleicht sind die Wahlen sogar das minimalste, das sie von ihnen verlangt, wenn sie sich darüber hinaus nicht engagieren möchten oder können. 
Dieses Engagement gilt es zugleich mit großer Ernsthaftigkeit auszuüben. Allerdings untergräbt gerade die FPÖ genau diese Ernsthaftigkeit – allen Forderungen nach mehr direkter Demokratie zum Trotz – seit vielen Jahren. Es erscheint fast wie ein Treppenwitz, dass ihr genau dies nun auf den Kopf zu fallen scheint. 
Dennoch muss man ihnen ja wirklich fast dankbar sein, dass sie diese Anfechtung gemacht haben. Wir müssen ganz offensichtlich mehr über Demokratie reden, was sie bedeutet, was sie ihren BürgerInnen abverlangt und vor allem ermöglicht. Und wir müssen darüber reden, was Eigenverantwortung bedeutet. Denn die Demokratie ist eine zu wichtige Errungenschaft, um sie zur Episode des heiteren Bezirksgerichts werden zu lassen.

Mathilde Greil * 8.12.1920 + 1.6.2016

Veröffentlicht am 1. Juni 2016 | 4 Kommentare

imageMeine heißgeliebte Oma ist heute morgen für immer eingeschlafen. Ich bin zutiefst dankbar für die uneingeschränkte und intensive Liebe, die sie mir geschenkt hat. Liebe: Das ist das Wort, das ich mit ihr auf vielen Ebenen verbinde. Ihre Liebe zu Menschen und ganz besonders zu Kindern zog viele an, von der Familie angefangen bis hin zu den Gästen, die sie in ihrer Pension über viele Jahre empfangen hat. Bis heute haben sie immer wieder alte Stammgäste oder sogar deren Kinder besucht. Mit Liebe pflegte sie ihren Garten, der uns alle jedes Jahr aufs Neue mit Schönheiten beschenkt hat. Diese Liebe lebt in uns weiter.

Sie war auch eine starke Frau. Sie hat ihre Pension in harter Arbeit aufgebaut und allen Ängsten und Zweifeln zum Trotz über Jahre lang erfolgreich geführt. Ich ziehe immer noch meinen Hut vor der Bauerstochter, die gerade mal die Volksschule besucht hat und sich als Selbständige durchgeschlagen hat. Welche Rolle mein Großvater konkret gespielt hat, will ich nicht beurteilen, denn leider habe ich ihn nur ein paar Jahre miterlebt. Immerhin, denn was in den Erzählungen über ihn mitschwingt, kann ich ebenfalls in einem Wort zusammenfassen: Liebe. “Wenn du wüsstest, wie lieb ich dich hab”, soll er zu ihr gesagt haben. Ich kann dazu nur sagen: wenn sie nur wüssten, wie glücklich mich allein dieser Gedanke macht.

Als ihre Tochter, meine Mutter, nach Klagenfurt in die Schule ging, lernte sie die neue Schrift, um ihr Briefe schreiben zu können. Auch mir hat sie viele Briefe geschrieben, denn leider war auch ich oft weit weg. In einem konnte ich mir aber immer sicher sein: die Oma denkt an mich und wünscht mir nur das Beste.

Leider konnte ich ihr keine UrenkelInnen schenken, die sie sicher ebenfalls mit viel Liebe beschenkt hätte. Jetzt ist sie für immer von uns gegangen. Es ist aber nur ein körperlicher Abschied, denn in meinem Herzen lebt sie, lebt ihre große Liebe weiter – und ich hoffe, dass ich sie noch vielen anderen Menschen weitergeben kann.

omasonja1aMeeeiiine Ooooma, ich danke Dir für alles! Ich schätze mich sehr glücklich, dass Du so lange in meinem Leben warst. Ich werde Deinen sonntäglichen Anruf sehr vermissen, so kurz er auch war. Aber Du bist ja nicht weg, sondern weiterhin immer bei mir, auch wenn Du nun weit weg bist und wir uns nicht mehr fest in Armen halten können.

 

Der gefährliche Brunnenmarkt

Veröffentlicht am 28. Januar 2016 | Kein Kommentar

“Pass auf auf Dich!” oder “Bist Du mutig!” Worte wie diese gaben sie mir mit auf den Weg. Nein, es ging nicht um eine Reise in ein Kriegsgebiet. Vielmehr hatten eine Arbeitskollegin und ich uns verabredet, uns das Match Kroatien-Türkei im Brunnenmarktviertel anzusehen. Es war 2008 und Österreich war eines von zwei Austragungsorten der Fußball-EM. Als wir uns trafen, rätselten wir beide gemeinsam, was denn nun auf einmal los ist, denn auch in ihrem Umfeld sorgte man sich um ihre Sicherheit. “Na ja, wir sind ja mit dem Rad unterwegs, zur Not radeln wir halt schnell wieder weg”, scherzten wir.

An dieses Erlebnis musste ich zurückdenken, als ich diesen Beitrag über Molenbeek las. Auch bei der von mir erzählten Anekdote war die Aufregung völlig übertrieben. Das Match sahen wir uns in einer Seitengasse des Brunnenmarktes an, wo es jemand an die Mauer eines Hauses beamte, in der Pause gönnten wir uns eine leckere Pljeskavica und am Ende genossen wir den Autokorso am Gürtel, bei dem wir sogar einen Kroatien-Fan auf einem der türkisch beflaggten Autos ausmachen konnten. Fair enough, es geb sehr wohl Berichte über Auseinandersetzungen ein wenig weiter draußen in der Ottakringer Straße. Wir bekamen dies allerdings erst über die Medien mit.

Wir taten also gut daran, uns auf unsere eigene Einschätzung zu verlassen und uns nicht von der allgemeinen Hysterie beeindrucken zu lassen. Nun weiß ich nicht, ob man die beiden Viertel eins zu eins miteinander vergleichen kann, denn ich war noch nie in Molenbeek. Am Brunnenmarkt jedenfalls hatte schon damals Boboland Einzug gehalten. Umso spannender aber ist es, wie schnell ein Viertel sogar von Menschen, die in der Nähe leben, auf einmal als gefährlicher Brennpunkt wahrgenommen werden kann.

Vor diesem Hintergrund erscheint es umso weniger erstaunlich, dass es für rasch angereiste KorrespondentInnen schwierig ist, sich ein ausgewogenes Bild zu machen. Auch hier poppt in mir eine Erinnerung auf: Im Jahr 2004 war ich auf Zypern, um über das Referendum über die Wiedervereinigung der beiden Inselteile zu berichten. Ich war im Jahr davor schon einmal auf der Insel gewesen und hatte in Nikosia per Zufall einen türkischen Zyprioten kennengelernt. Er führte mich durch den türkischen Teil der Hauptstadt, übersetzte für mich und gewährte mir so spannende Einblicke in das Denken “auf der anderen Seite” – ich hatte vorher hauptsächlich mit griechischen ZypriotInnen Kontakt.

Als ich nun im Jahr 2004 alleine durch den Nordteil spazierte, fühlte ich mich unwohl. Die bewaffneten Soldaten in der Stadt schüchterten mich ein, ich konnte mit fast niemandem sprechen, denn kaum jemand, den ich ansprach, konnte Englisch. Ich verbrachte dennoch eine zeitlang dort, war aber unglaublich erleichtert, als ich die Grenze wieder überschritten hatte und im griechischen Teil war.

Heute denke ich, dass ich an dem Tag vielleicht auch nur müde war, weshalb ich empfindlicher war und manches bedrohlicher wahrnahm als nötig. Jedenfalls traf ich an einem anderen Tag meinen türkisch-zypriotischen Freund wieder. Dieses Mal nahm er mich mit in seine Heimatstadt an der Küste und ich verbrachte einen wunderbaren Abend mit seiner Familie. An einem anderen Tag stellte er mir Freunde vor, die mir wiederum vielfältige Einblicke gewährten.

Ich erinnere mich noch, wie überfordert ich mich zum Teil fühlte, immerhin galt es nicht nur die beiden Seiten zu verstehen, also die griechische und die türkische, sondern auch deren vielfältige Lebens- und Gedankenwelten. Und ich weiß noch, wie fremd ich mich fühlte, wenn ich mit anderen KorrespondentInnen sprach, von denen manche sehr eindeutige Meinungen vertraten – während sich mir immer mehr Fragen stellten. Nun will ich keinesfalls sagen, dass die KollegInnen allesamt undifferenziert waren, ganz im Gegenteil. Manche waren es gewohnt, über große Ereignisse von Orten zu berichten, die sie bis dahin noch nicht kannten. Manche mussten als Radioreporter kontinuierlich etwas liefern, so dass sie nicht einen ganzen Tag einfach zum Recherchieren aufwenden konnten. Und auch ich habe nur einen sehr kleinen Ausschnitt kennengelernt.

Wenn ich an all das zurückdenke und mir die Geschwindigkeit vor Augen halte, in der heutzutage Nachrichten aufpoppen und wieder verschwinden, wundert es mich nicht, dass so manche Berichte noch oberflächlicher werden. Eigentlich hätte ich mir schon damals  gewünscht, noch mehr Zeit zu haben, um mir ein noch besseres Bild machen zu können. Heute scheint mir, dass man fast schon froh sein muss, wenn JournalistInnen überhaupt noch vor Ort geschickt werden. Dabei würde die große Beschleunigung, die nicht zuletzt durch die sozialen Medien stattgefunden hat, deutlich gründlicherer Recherchen bedürfen, deutlich mehr Innehalten und sickern lassen. Von daher kann ich mich der Analyse von Christine Moderbacher nur anschließen.

Link

Molenbeek? Hereinspaziert! Plädoyer für eine differenziertere und tiefgehende Berichterstattung anlässlich der Schlagzeilen über den Brüsseler Stadtteil Molenbeek. 

Pariser Ausnahmenormalität

Veröffentlicht am 11. Dezember 2015 | 1 Kommentar

10Es geht einfach nicht anders, ich muss der Frau meine Hand auf die Schulter legen. Tränen strömen ihr über die Wangen, sie bleibt stehen und stützt sich auf ihrem Gehstock ab. „Was sollen wir nur tun?“, stellt sie eine jener Fragen, auf die man nicht nur in Frankreich versucht, eine Antwort zu finden.

Kopfschüttelnd steht sie neben dem Blumen- und Kerzenmeer, das sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bataclan immer weiter auszubreiten scheint. „Ich weiß auch nicht“, gestehe ich ihr, denn auch ich fühle mich einfach nur ratlos. „Darüber reden, sich trösten und auch weinen“, sind die einzigen Gedanken, die ich in Worte zu fassen in der Lage bin. „Wie kann man angesichts dessen nicht weinen?“, erwidert die ältere Frau. Ich kann ihr nur zustimmen.

5Die Anschläge sind zu diesem Zeitpunkt fast zwei Wochen her. Anlass meiner Paris-Reise war ursprünglich eine berufliche Besprechung. Seit den Anschlägen wollte ich umso mehr hinfahren. Um meine FreundInnen zu besuchen. Und weil ich mir selbst ein Bild machen wollte, selbst versuchen wollte zu begreifen, was so unbegreifbar scheint. Und doch wird es um keinen Deut begreifbarer, wo ich nun an eine der Gedenkstätten der Anschläge vom 13. November stehe.

Es ist eine spezielle Stimmung, die an jenen Orten herrscht, an denen der Opfer vom 13. November gedacht wird. Direkt vor dem Bataclan und gegenüber, in der Mitte des boulevard Richard Lenoir, herrscht eine Ruhe, wie man sie von Friedhöfen kennt – während der Verkehr rundherum in seiner gewohnten Lautstärke vorbeifließt. An diesem Tag ist das Wetter freundlich, weshalb viele Menschen sich hierher begeben haben. So zumindest interpretiert es eine Mitarbeiterin im nahe gelegenen Supermarkt.

2Die BesucherInnen studieren die vielen Texte, die dort hängen, verfasst von Angehörigen und FreundInnen der Opfer, von Fremden oder Schulklassen. So wie sie gehe ich langsam den Gehsteig entlang, lasse alles auf mich wirken, halte an vor Blumengestecken und Solidaritätsbekundungen aus allen möglichen Ecken der Welt. Viele legen Blumen nieder, zünden mitgebrachte Kerzen an oder bringen inzwischen erloschene wieder zum Brennen. Sie trauern, gedenken oder würdigen die Opfer.

Die meisten BesucherInnen scheinen in sich und ihre Gedanken versunken zu sein. Andere trösten sich gegenseitig oder diskutieren. Viele machen Fotos, von der Gedenkstätte oder auch vom Bataclan selbst, an dessen Eingang immer noch die Ankündigung für das Konzert des besagten Abends hängt. So auch ich. Auf einmal wird die Stille abrupt unterbrochen, aus einem der vorübergehenden PassantInnen platzt unvermittelt der Kragen: „Yes, take pictures of horror, you stupid assholes“, schimpft er und geht wutentbrannt weiter. Autsch, da ist es, das schlechte Gewissen. Denn was tue ich da eigentlich? Keine meiner Freundinnen, keiner meiner Freunde wurde – zum Glück – direkt getroffen. In Paris lebe ich gerade auch nicht. Und doch bin ich zutiefst betroffen von diesen unfassbaren Gewaltakten.

27Als ich vor dem Bataclan stehe, wird mir auf einmal bewusst, dass dieser Ort näher an meiner damaligen Wohnung liegt, als ich es nach bald 15 Jahren in Erinnerung hatte. Ein paar Schritte weiter liegt die Post, in der ich damals vor meiner Rückkehr nach Wien meine letzten Sachen aufgegeben habe. Ein paar hundert Meter in die andere Richtung liegt die Busstation, bei der ich so oft gestanden habe. Gleich davor ist der Boulevard, den ich mit Freunden gemeinsam so ausgelassen entlang gerollert bin oder wo ich an Markttagen so oft eingekauft habe.

Trotzdem lässt mich eine Frage nicht mehr los: Ist es wirklich so übertrieben, wie ich mich fühle, wie manche meinen: Sehr nachdenklich, ein wenig schockiert und unendlich traurig? In meinem Kopf hallt ein vorwurfsvoller Satz wieder: „Dass sich alle von Paris so schockiert zeigen, ist rassistisch. Wenn im Nahen Osten oder in Afrika Anschläge verübt werden, kratzt das niemanden.“ Hier, vor Ort, in Paris, scheint mir all das weit weg.

Nun habe ich in der Tat eine sehr enge Beziehung zu dieser Stadt und zu manchen ihrer BewohnerInnen. Nur bei allen Unterschieden ist Paris doch eine Stadt wie so viele andere in Europa, in der man vielleicht schon einmal war oder die man noch besichtigen möchte. Das lässt die Vorstellung realer werden, dass man vielleicht sogar selbst auf einer dieser Terrassen sitzen hätte können. Dass es solche Terrassen an vielen anderen Orten dieser Welt genauso gibt, ist wahr. Dass das nur wenige so wahrnehmen, ist in der Tat auf eine gleichsam ethnozentrische wie auf negative Nachrichten ausgerichtete Berichterstattung zurückzuführen, die auch aus Paris auf einmal ein unglaublich gefährliches Pflaster gemacht hat.

15Nun, da ich die vielen Solidaritätsbekundungen aus aller Welt sehe, bei der Gedenkstätte vor dem Bataclan sowie rund um die Statue an der place de la République, zu der ich in Gedanken versunken weiter spaziere, wirkt dieser Vorwurf wie eine Stimme aus einer anderen Welt. Und auf einmal wird mir sonnenklar, was mich an diesen Vorwürfen so stört: Dass sie weniger Empathie mit den Pariser Opfern verlangen, weil sie gegenüber Opfern in anderen Gegenden der Welt nicht ausreichend gezeigt wird. Es ist die Abgebrühtheit dieser Aussage, die mich so sehr mitnimmt.

Dazu kommt, dass hier, vor Ort, vieles anders wirkt. Ich kann sie kaum noch aufzählen, die Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Welt, ob aus der Kabylei, Kurdistan, Syrien (etwa aus Kobane), Mali (Bamako) oder auch von der koreanischen Pariser Community, um nur einige Beispiele zu nennen. „Es war einfach unglaublich, von wo überall auf der Welt ich Solidaritätsbekundungen bekommen habe“, wird mir später ein Freund erzählen. Ich sehe aber auch viele Solidaritätsbekundungen von Frankreich in die Welt hinaus.

25Auch werden er und andere FreundInnen mir erzählen, wie sie den Abend verbracht haben und wie sie selbst mit dem Erlebten umgehen. Manche scheinen erstaunlich gelassen zu reagieren, ganz nach dem kurz nach den Anschlägen ausgegebenen Motto: „Même pas peur“, „Nicht einmal Angst“. Eine Freundin wiederum stört sich genau an dieser Aussage: „Was soll das heißen? Es ist doch ganz normal, dass so etwas Angst macht“, ärgert sie sich.

Manche meiden die Öffis oder Orte mit vielen Menschen, andere leben weiter wie bisher – zumindest oberflächlich betrachtet. Trotz des Ausnahmezustands wirkt die Stadt sehr normal, dass sie es doch nicht ist, wird mir bewusst, als ich in der Gegend von Les Halles eine Militär-Patrouille in eine Weggehgegend einbiegen sehe. Ansonsten bleibt bei mir allem ein Eindruck hängen: Es ist so wie immer und doch irgendetwas völlig anders.

______

Rathaus des 11. Arrondissements mit dem Pariser Wahlspruch “Fluctuat nec mergitur”, im 11e liegt unter anderem der Bataclan:

1

Boulevard Richard Lenoir gegenüber des Bataclan:

2

3

4  6

7

8

Das Gebäude im Hintergrund links ist der Bataclan:

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

26

Place de la République: 19

20

21

22

23

24

25

Westbahnhof: Hoffnung Zivilgesellschaft

Veröffentlicht am 6. September 2015 | Kein Kommentar

“In Wahrheit sind grad mehr Medienleute und da als Flüchtlinge”, merkt ein Journalist selbstkritisch an. Es ist Dienstag kurz nach 12 Uhr mittags und damit etwas mehr als 12 Stunden her, dass zum ersten Mal die Grenzen zu Österreich für Vertriebene geöffnet worden waren. Mehr als 3.000 wurde die Weiterreise in Richtung Österreich von der ungarischen Regierung Orban erlaubt – zugleich gingen mehr als 20.000 DemonstrantInnen in Wien für eine andere Asylpolitik auf die Straße.

Die Social Media-Kanäle liefen an diesem Dienstag heiß. Es wurde getickert, wann die nächsten Züge an diesem Tag in Wien ankommen würden und welche Spenden gebraucht würden. Um 12 Uhr 12 hätte einer ankommen sollen, doch zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass er sich massiv verspäten würde. An der Anzeigentafel der ÖBB war zudem zu lesen, dass er aus Hegyeshalom kommen würde und nicht aus Budapest.

“Budapester Bahnhof gesperrt”: Diese Nachricht machte denn auch gleich die Runde in den Sozialen Medien. Vor Ort hatte man eher den Eindruck, dass niemand so recht wusste, was nun eigentlich los war und allerlei Gerüchte machten die Runde. Im Übrigen ist das in einer solchen Situation nichts Ungewöhnliches, aber zur Rolle von Medien und Social Media möchte ich lieber einen eigenen Beitrag schreiben.

Geradezu atemlos wurden auch vermeintliche Informationen weitergereicht. Gestresst liefen denn auch immer Freiwillige mit Einkaufswägen durch den Bahnhof, gefüllt mit Wasser, Essen, Baby- oder Hygieneartikeln in Richtung des jeweiligen Bahnsteigs, wo diese Produkte gebraucht würden – oftmals mit Medienmenschen im Schlepptau. “Oft werden die Flüchtlinge gefilmt, bevor man ihnen ein Wasser geben kann”, bemerkte eine Freiwillige.

Der große Ansturm des Vorabends war vorbei, was erklären könnte, warum die Hektik umso größer war: So denn doch was passiert, will niemand den Kürzeren ziehen. Die oftmals widersprüchlichen Informationen sorgten für zusätzliche Nervosität.

“Eigentlich läuft das alles heute ganz ruhig”, sagt ein ÖBB-Mitarbeiter, der Zettel mit Informationen für die Lokführer in der Hand hält, wie sie sich verhalten sollen, sollte etwas Ungewöhnliches passieren. Anders als am Vorabend eben, wo sie nicht so gut vorbereitet waren. Man versuche außerdem, den Menschen den Weg zu ihren Zügen zu weisen – so gut es halt mit den freiwilligen DolmetscherInnen geht, die eben nicht alle Sprachen abdecken können, die von den Flüchtlingen gesprochen werden. Dies scheint  übrigens neben der Lebensmittelausgabe eine der wichtigsten Funktionen der Freiwilligen zu sein.

In Österreich nämlich will kaum jemand bleiben – die österreichische Abschreckungspolitik mit Namen Traiskirchen scheint ihre Früchte zu tragen. Es ist eine wirklich anachronistische Situation, deren Zeugin man an diesem Tag am Westbahnhof werden kann: Während die Politik am ganz offensichtlich gescheiterten Dublin-Abkommen festhält – erst am Tag zuvor hatte die Innenministerin schärfere Grenzkontrollen angekündigt -, scheint für einen kurzen Moment wieder” Politik mit den Füßen” gemacht zu werden (können).

So schön diese Szenerie am Westbahnhof war: Sie war nur ein Vorgeschmack dessen, was sich noch nicht einmal innerhalb einer Woche wiederholen würde – und was sich angesichts anhaltender Kriege wohl auch fortsetzen wird: Dass weiterhin mehr Flüchtlinge nach Österreich kommen, als man sich gerne eingestehen würde. Anders als die Politik stellt sich die Zivilgesellschaft dieser Herausforderung.

Und auch wenn der nächste Anarchronismus darin besteht, dass sie mit ihrem Engagement die Politik aus einem großen Teil ihrer Verantwortung entlässt – zumindest wird sich die Politik, werden sich die Parteien nicht mehr aus der Affäre ziehen können, man könne aus Staatsräson nicht anders. Die Zivilgesellschaft zeigt nämlich der Politik gerade auf beeindruckende Art und Weise, was europäische Werte sind und wie einfach sie sich mit Leben erfüllen lassen, wenn man nur will.

Währenddessen hat die EU beschlossen, Kriegsschiffe im Kampf gegen Schlepper einzusetzen – was dem Einsatz gegen Vertriebene gleichzusetzen ist – und könnte kein bezeichnenderes Beispiel für die eigene Ratlosigkeit geben, aber auch des Verrats an den eigenen Werten. Zugleich bin ich sehr froh über diese lebendige und tatkräftige Zivilgesellschaft, weil sie mich Hoffnug schöpfen lässt, dass alles auf lange Sicht besser wird. Ob daraus die Politik wohl was lernt?

Mehr Zurückhaltung, bitte!

Veröffentlicht am 5. September 2015 | Kein Kommentar

ObjektivitätIch muss gestehen, dass ich immer noch fassungslos bin, wie viele das Foto eines ertrunkenen Kleinkinds in den sozialen Medien weiterverbreitet haben. Kürzlich habe ich anlässlich des von der Krone veröffentlichten Fotos der im LKW ermordeten Vertriebenen von der Würde der Menschen gesprochen, die im Mittelmeer ertrinken und deren Fotos in vielen, vielen Medien gezeigt werden. Am Dienstag dann war ich am Westbahnhof und erlebte mit, wie Kameras sich um die Vertriebenen drängten, die gerade erst den Zug verlassen hatten, und zum Teil den Freiwilligen im Weg standen, die diesen Menschen Getränke, Essen und andere Spenden überreichen wollten.

Nun machen auch die Kameraleute ihren Job, die meisten von ihnen wissen sehr gut um das schwierige Spannungsfeld, in dem sie sich bewegen. Dennoch würde ich mir manchmal wünschen, dass wir Medienmenschen innehalten, auch mal aus dem Weg gehen oder aus der Distanz beobachten.

Manche halten es für wichtig, Fotos wie jenes von dem ertrunkenen Kleinkind oder auch jenes der erstickten Menschen im LKW zu zeigen. Um wachzurütteln. Um auf die Dimension eines Unrechts hinzuweisen. Gerne wird der Zusammenhang mit dem jungen vietnamesischen Mädchen hergestellt, das damals eine Wende in der US-Öffentlichkeit herbeigeführt habe. Allein, ich habe da so meine Zweifel. Ich frage mich nämlich, ob es nicht vielmehr zum Symbol für etwas stilisiert wurde, das bereits voll im Gange war, nämlich die immer größer werdende Ablehnung des Vietnamkriegs in der US-Öffentlichkeit. Dieses brauchte ein Symbol. Dass dem so ist, muss noch nicht unbedingt problematisch sein. Die Frage ist nur, ob man das reflektiert oder es als Vorwand nimmt, um erneut ein Kind in Not zu einem Symbol zu stilisieren, in dem Fall sogar ein totes Kleinkind.

Opfer, schon gar Kinder zu einem Symbol zu stilisieren, damit bitte endlich die Öffentlichkeit, Politik, … aufwachen möge: Das halte ich schlichtweg für Missbrauch eines schrecklichen Schicksals für politische Ziele. Es starb, weil an anderer Stelle falsche Entscheidungen getroffen wurden und werden. Wenn man das nicht anders zu vermitteln weiß als mit einem solchen Bild, dann gibt es in der Tat ein grundsätzliches Problem. Ähnliches halte ich jenen entgegen, die meinen, dass es wichtig ist, wenn dem Krone-Publikum mit dem Bild der im LKW ermordeten Vertriebenen konfrontiert ist. Deshalb werden manche ja dann doch ihre Meinung ändern, argumentieren sie.

Oftmals aber geschieht genau das Gegenteil: Weil es so fürchterlich ist, wendet man sich ab. Das ist auch der Grund, warum die allzu herzzerreißenden Geschichten über das Schicksal von Vertriebenen zwar gut gemeint sind, aber letztlich meist jene bestätigen, die ohnehin schon überzeugt sind, dass den Vertriebenen eine bessere Behandlung oder gar Aufnahme gebührt – und sich jene abwenden, die man eigentlich überzeugen möchte. Damit eng verbunden ist allerdings die Frage: Soll Journalismus überzeugen? Ich meine ganz klar: Nein. Er darf Partei beziehen, keine Frage, aber wenn diese Parteinahme so weit geht, dass man beeinflussen will, welche Partei die LeserInnen einnehmen sollen, ist es mit Journalismus vorbei. Er soll und muss aufklären, er soll und muss verschiedene Seiten beleuchten, er soll und muss Distanz wahren, so schwierig das auch immer wieder ist.

So muss Journalismus: Mit diesen Worten wurde kürzlich der Auftritt von Lou Lorenz-Dittelbacher kommentiert, weil sie als Moderatorin selbst den Tränen nahe war. Ich frage: So muss Journalismus? Im ernst? Wer entscheidet denn dann, bei welchen Themen einem/r die Emotionen durchgehen dürfen und bei welchen nicht? Dass es ihr so ging, halte ich im Übrigen keineswegs für unprofessionell. Auch JournalistInnen sind “nur Menschen”, die nicht jede Nachricht kalt lässt. Das ist auch gut und richtig so, denn JournalistInnen zu erwarten, die immer und überall einen klaren Kopf bewahren wäre schlichtweg unmenschlich. Das ist aber etwas anderes, als wenn man das zur Norm erheben will. Es gibt aus gutem Grund eine professionelle Ethik, die eben verhindern will, dass JournalistInnen zu Parteien werden, im schlimmsten Fall im Namen einer angeblichen Wahrheit.

Auch ich halte in sozialen Medien nicht mit meinen Meinungen hinter den Berg. Ich halte das nämlich für das richtige Medium dafür, denn sie sind nun einmal Medien der Empörung – aber eben auch der Information von Menschen, zu denen man vorher nicht so einfach Zugang hatte, sei es als Journalistin oder als Bürgerin. Umso wichtiger aber ist es, dass sich “traditionelle” Medien sehr genau überlegen, was sie tun. Denn nicht Empörung auszulösen sollte ihr Ziel sein, sondern Informationen zu liefern, die es den BürgerInnen ermöglichen, sich ihr eigenes Bild zu machen. Mag naiv klingen, aber ich glaube fest an diesen wichtigen Anspruch an Journalismus. Deshalb wünsche ich mir auf vielen Ebenen: Mehr Zurückhaltung, bitte – und im Zweifel auch einmal einen Schritt zurücktreten, von dort lässt sich nämlich auch vieles erleben und berichten, ganz ohne dass man Freiwilligen im Weg steht.

Über problematische Vergleiche und die Folgen der “Ausred steh mir bei”-Politik

Veröffentlicht am 4. September 2015 | Kein Kommentar

Ein kleiner Zwischenruf: Dass Menschen in Ungarn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in ein Lager gebracht werden, ist eine Schweinerei! Nur es bleibt Verharmlosung, wenn man dies mit dem Holocaust vergleicht. Anders als unter den Nazis werden die Menschen nicht in Lager gebracht, um sie zu ermorden, ob mit Zwangsarbeit oder gar Gaskammern. Die schlechten Bedingungen in diesen Lagern lassen in der Tat schlimme Erinnerungen wach werden. Der entscheidende Unterschied aber ist: Der Tod dieser Menschen ist nicht erklärte Ideologie des Staates.

Das ändert nichts daran, dass Europa dabei zusieht, nein, schlimmer noch: dazu beiträgt, dass im Mittelmeer unzählige Menschen ertrinken, und das seit vielen Jahren. Dass dies nicht absichtlich passiere, daran muss man ernste Zweifel anmelden. Immerhin würde es in der Macht der europäischen Staaten liegen, etwas dagegen zu tun – vielmehr: Sie habe dafür die Verantwortung.

Wie uneindeutig das alles ist, zeigt meine eigene Wankelmütigkeit. Denn so sehr ich finde, dass man sich bei NS-Vergleichen in Zurückhaltung üben sollte, so versucht bin auch ich selbst, eine Analogie zu sehen: die TäterInnen von damals haben ihr Handeln mit “Befehlen von Oben” zu rechtfertigen gesucht. Heute bemühen die PolitikerInnen andere Ausreden:

Die angebliche Naturgewalt: Man zeigt sich überrascht, dass nun so viele Flüchtlinge kommen, und erklärt damit die Überlastung. Man muss sich schon fragen, wie naiv PolitikerInnen sein können, dass sie nicht wissen (oder wissen wollen?) dass Kriege wie etwa jener in Syrien natürlich Flüchtlinge “produzieren”. Bisher hatte man “Glück”, weil es nur wenige bis nach Mitteleuropa geschafft haben. Dass man nicht erkannt hat, dass sich das abgesichts der dramatischen Lage Griechenlands ändern würde, ist ein klares Versagen der Politik.

Die Integrationslüge: Die große Zahl an Flüchtlingen mache Integration schlichtweg unmöglich. Genau diese Integration sei aber notwendig, weil sonst die europäischen Gesellschaften zerfallen würden. Das wirklich Pikante an dieser Lüge gerade in Österreich ist, dass sich die “Integration” sehr wohl bewältigen ließe: Wenn erstens alle Gemeinden ihrer Verantwortung zur Aufnahme von Flüchtlingen nachkommen würden; wenn zweitens die KommunalpolitikerInnen nicht aus Angst vor ihren eigenen BürgerInnen in reine Abwehrhaltung verfallen, sondern ihren Job machen würden, zu dem auch gehört, in ihren Gemeinden die Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben schaffen.

Dass viele KommunalpolitikerInnen vor dieser Herausforderung zurückschrecken, kann ich ja sogar zum Teil noch nachvollziehen. Es ist nämlich in der Tat keine leichte. Ausrede darf das aber keine sein, vor allem ist der Bund gefordert, die Kommunen dabei zu unterstützen. NGOs, die in diesem Bereich Erfahrungen haben und ihre Expertise zur Verfügung stellen könnten, gibt es genug. Der Bund müsste allerdings entsprechende Mittel in die Hand nehmen, um den Kommunen dabei beiseite zu stehen.

Entlarvt wird die Integrationslüge jeden Tag, an dem die in diesem Zusammenhang viel bemühten europäischen Werten mit Füßen getreten werden. Im übrigen ist das nicht nur eine moralische Frage. Die europäischen Staaten haben sich von Rechts wegen dazu verpflichtet, Flüchtlingen einen sicheren Zufluchtsort zu bieten und Menschenrechte zu garantieren, als sie entsprechende Konventionen unterschrieben haben.

Die Populistenlüge: Man müsse die eigene Naivität überwinden und die wirklichen Probleme wahrnehmen, heißt es oft. Diese vorgebliche Selbstkritik ist aber nichts anderes als der immer wieder neu aufgelegte Selbstbetrug: Weil die Populisten populär sind, müsse man ihre Positionen übernehmen, um ihnen das Wasser abzugraben. Dass genau das immer nur zu einem Ergebnis geführt hat, nämlich dass die Populisten erst recht Erfolg haben, wirft wiederum die Frage auf: Wann wird sich der (auch von mir) vielbemühte Spruch bei ihnen rumsprechen, dass der Schmied beliebter ist als der Schmiedl?

Die Wohlstandslüge: Man habe so viel geleistet, dennoch sei die eigene Wirtschaft in der Krise, deshalb könne man nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen, zumal viele nur aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa kämen. Dass der Reichtum in Europa erstens zu einem guten Teil auf den Leistungen von “GastarbeiterInnen” beruht, zweitens auf der Ausbeutung von Ressourcen und Menschen in vielen anderen Teile der Welt und dass drittens die meisten Flüchtlinge nicht nach Europa kommen, sondern Zuflucht in anderen so genannten Entwicklungsländern finden: Das wird geflissentlich unter den Tisch gekehrt. Schon gar ignoriert man die Verantwortung, die dieser Wohlstand mit sich bringt.

Die Folgen dieser “Ausred, steh mir bei”-Politik lassen sich schon seit vielen Jahren im Mittelmeer beobachten – und inzwischen eben auch in unseren Breiten. All das ist so unerträglich, dass ich nachvollziehen kann, dass man den NS-Vergleich bemühen will, ganz einfach in der Hoffnung, dass man damit immer mehr Menschen wachrüttelt. Es sagt in Wahrheit viel über unsere Gesellschaften aus, dass sich von den grausamen Realitäten an den EU-Grenzen immer noch zu wenige Menschen wachrütteln lassen – und leider offensichtlich am wenigsten jene, die an den Machthebeln sitzen und diese auch betätigen könnten – und sollten.

Ältere Beiträge »

Recent Posts

Tag Cloud

Berlin Camargue Fotografie Frankreich Front National Galéries Lafayette Graffiti Graphs helen mirren Jana&Js Jeff Aerosol Montmartre ns Panorama Paris Printemps Reise Sacre Coeur Sainte Maries Skurriles Street Art Weißensee

Meta

Sonja Fercher is proudly powered by WordPress and the SubtleFlux theme.

Copyright © Sonja Fercher